Geschichte in Stein
Deutsche Friedhofskultur ist immaterielles Kulturerbe der Unesco

Museumsdirektor Dirk Pörschmann und Erbe-Initiator Tobias Pehle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße.
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  • Museumsdirektor Dirk Pörschmann und Erbe-Initiator Tobias Pehle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße.
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Bereits im März wurde die deutsche Friedhofskultur zum immateriellen Kulturerbe erklärt. Wegen der Corona-Pandemie wurde jetzt auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße der Startschuss für die Würdigung gegeben.

Prunkvolle Sarkophage, kleine Tempel und Mausoleen, Stelen, Obelisken oder ganz normale Grabsteine – auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof – wie auch auf vielen anderen in der Stadt – sind historische Persönlichkeiten wie Künstler, Architekten, Industrielle und Politiker bestattet. Die Liste ist lang und reicht von Erich Arendt bis Arnold Zweig. Der gesamte Friedhof steht seit 1983 unter Denkmalschutz. Und jetzt gehört er auch wie alle deutschen Friedhöfe zum immateriellen Kulturerbe der Unesco. Dieses umfasst nicht die Friedhöfe an sich, sondern die „lebendigen Ausdrucksformen, die von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitervermittelt und stetig neu geschaffen und verändert werden“, wie es die deutsche Unesco-Kommission formuliert.

Es geht um die Art, wie wir trauern und was wir auf dem Friedhof tun. Friedhöfe sind nicht nur Orte der Trauer, sondern auch Orte der Begegnung, des Erinnerns, des Ausruhens und der Kunst. Die Anlagen sind grüne Oasen, Skulpturenparks und lebendige Geschichtsbücher. Dort kann man in sich gehen, die Stille genießen und sich mit den Toten beschäftigen. Auch jüdische Friedhöfe und muslimische Grabfelder gehören zur deutschen Friedhofskultur.

Friedhöfe wie der Dorotheenstädtische Friedhof sind grüne Oasen und spannende Geschichtsbücher.
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Laut Kuratorium Immaterielles Erbe Friedhofskultur seien zwei Aspekte in Deutschland beim Umgang mit den Toten weltweit einmalig: die Einbettung der Gräber in Parklandschaften und die Gestaltung der Gräber als kleine Gärten der Erinnerung. Nirgendwo sonst würden gärtnerische und steinerne Elemente zu so individuellen Grabanlagen verbunden werden. Die Friedhöfe seien auch wichtig für Klima- und Naturschutz, Völkerverständigung oder Integration.

Für Bischof Christian Stäblein von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz ist die „Friedhofskultur insgesamt ein wichtiger Teil unseres gemeinsamen Gedächtnisses“, wie er bei der Festveranstaltung am 17. September sagte. „Denn sie zeigt, wie wir, wie die Gesellschaft mit Tod und Sterben umgeht, wen wir und wie wir erinnern. Seit alters her stellt die Friedhofskultur eine Beziehung zwischen Diesseits und Ewigkeit her, stellt die kulturellen Gesten der Erinnerung oft in einen religiösen Horizont. Mit der Auszeichnung verknüpft sich die Hoffnung, dass noch mehr Menschen für die Bedeutung der Friedhofskultur sensibilisiert werden“, so Stäblein.

Erzbischof Heiner Koch betont, dass „immaterielles Kulturerbe kein musealer Stillstand ist“. Es zeige, „dass dieses Kulturerbe mitten im Leben steht und zutiefst sozial ist. Friedhofskultur bedeutet: Du bist nicht alleine, Du bist nicht vergessen, Du bist von Solidarität und Liebe umfangen, Dein Leben gewinnt trotz des Verlustes wieder eine Perspektive.“ Kulturstaatssekretär Gerry Woop nannte die historischen Friedhöfe Berlins „ein unvergleichliches Archiv der Stadtgeschichte und wichtige Zeugnisse der kunst- und kulturgeschichtlichen Entwicklung“. Dirk Pörschmann ist Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, in dem es um Totenkultur, Bestattungspraxis oder Trauerrituale geht. „Was es bedeutet, Mensch zu sein, wird in besonderer Weise auf Friedhöfen deutlich. Wir brauchen Rituale, um Verluste zu überwinden. Das macht den Ort der Toten zu einem lebendigen Ort“, sagte Pörschmann. „Die Friedhofskultur prägt unser Leben und unser Selbstbild mit. Ihre identitätsstiftende Kraft reflektiert die Leistungen unserer Vorfahren sowie die Geschichte und Strukturen unserer Gesellschaft“, so Tobias Pehle, Chef vom Kuratorium Immaterielles Erbe Friedhofskultur.

Der Umgang mit den Toten und Grabpflege ist Friedhofskultur.
  • Der Umgang mit den Toten und Grabpflege ist Friedhofskultur.
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Das Kuratorium hat in seinem Antrag für die Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis auch viele Risikofaktoren für die Erhaltung der Friedhofskultur benannt. Dazu gehörten „die Zunahme von sogenannten Naturbestattungen außerhalb des Kulturraums Friedhof, verbunden mit einer Abkehr von tradierten Trauerritualen“. Außerdem habe „die mangelnde Wertschätzung der Friedhofskultur bereits zur Schließung vieler Friedhöfe geführt“. Auch die „zunehmende Fokussierung auf Pragmatismus und Kosteneffizienz beim Umgang mit den Toten“ seien eine Gefahr. Das Kuratorium fordert „neue Konzepte bei der Friedhofsplanung und den Gestaltungsvorgaben von Grabstätten“.

Alle Daten und Fakten zur Friedhofskultur unter kulturerbe-friedhof.de. Das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes findet sich auf www.unesco.de/kultur-und-natur/immaterielles-kulturerbe.

Autor:

Dirk Jericho aus Mitte

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