Flug oder Zug?
NachhaltICH: Die Schwierigkeit, einen Urlaub zu planen

Kann man noch guten Gewissens in den Urlaub fliegen?
  • Kann man noch guten Gewissens in den Urlaub fliegen?
  • Foto: Lars Nissen / Photoart (pixabay)
  • hochgeladen von Simone Gogol-Grützner

Sommerzeit – Urlaubszeit. Bei mir nicht ganz. Mein Mann und ich wollen dieses Jahr nach Thailand, weshalb bei uns die Sommerzeit eher die Reiseplanungszeit ist, denn wir wollen im November fliegen. Und da ist auch schon mein Dilemma. Flugreisen sind nicht gut fürs Klima. Doch ich reise gern, ich will die Welt sehen, auch Südostasien. Gab es da nicht so etwas wie eine Kompensation für das bei einem Flug freigesetzte CO₂?

Ich mache mich also schlau im Internet. Dort heißt es auf utopia.de: „Man meldet sich bei den entsprechenden Seiten an und gibt an, was für eine Art von Flugreise man plant. Die Rechner ermitteln den CO₂-Ausstoß und den Preis, der bezahlt werden muss, um diese Emission zu neutralisieren. (…) Die Idee ist, dass am Ende das Gesamtsystem klimaneutral(er) arbeitet. Das Geld wird bei Klimaschutzprojekten eingesetzt, um Treibhausgase zu binden. Man pflanzt zum Beispiel Bäume oder nässt trockengelegte Moore neu ein, denn diese binden CO₂. Auch gibt es Projekte, die den Ausbau erneuerbarer Energien fördern und so Emissionen verhindern.“

Also los geht’s: Ich gehe auf die Seite des Testsiegers, gebe ein, dass wir nach Bangkok fliegen wollen und bekomme erst einmal einen Schreck, nicht so sehr über den Preis von 213 Euro, der als Kompensation angezeigt wird, sondern darüber, dass ich allein mit meinem Hin- und Rückflug 4624 Kilogramm CO₂ freisetze (andere Seiten zeigen andere, aber nicht weniger erschreckende Zahlen). Das klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen liegt laut der Seite bei 2300 Kilogramm.

Mit der Bahn nach Bangkok

Und nun? Klimafreundlich(er) nach Thailand? Ich mache mir den Spaß und google „Berlin Bangkok mit der Bahn“ – und werde tatsächlich fündig. Hier die Route: Berlin – Moskau; Moskau – Peking; Peking – Hanoi; Hanoi – Ho-Chi-Minh-Stadt; Ho-Chi-Minh-Stadt – Siem Reap; Siem Reap – Bangkok. Allein die Fahrt Moskau – Peking mit der Transmongolischen Eisenbahn dauert 129 Stunden und 40 Minuten, also fünfeinhalb Tage. Viel Zeit, wenn nicht die Zugfahrt das Ziel ist. Preis: gut 680 Euro pro Person. Und dann bin ich erst in Peking. Und auch nach Moskau muss ich erst einmal kommen. Mindestens 22 Stunden mit der Bahn von Berlin aus dauert das. Reise ich mit der Bahn, ist in Peking übrigens schon fast die Hälfte meines Urlaubs vorbei.

Dass Reisen ohne Flugzeug länger dauert, weiß auch Katja von der Bey, Geschäftsführerin der Berliner Genossenschaft WeiberWirtschaft in Mitte. Deshalb bekommen Mitarbeiterinnen, die ein Jahr lang auf Flugreisen verzichten, drei Tage Urlaub mehr. „Jeder weiß, dass Flugreisen ein Klimakiller sind! Aber Alternativen kosten häufig auch viel mehr Zeit, und frei verfügbare Zeit hat einen immer höheren Stellenwert. Zumindest dieses Argument möchten wir entkräften und klimaschonendes Verhalten belohnen“, teilt Bey mit. Sie selbst war im vergangenen Jahr im Sommerurlaub mit dem Zug an der Côte d’Azur. „Es war die pure Entschleunigung und ging erstaunlich gut.“ Okay, die Côte d’Azur liegt ja quasi um die Ecke, aber Bangkok?

Eine Frage des Geldes

Doch einen Gedanken ist die Idee Zug statt Flug schon wert, zumindest innerhalb Europas. Greifen wir das Beispiel Côte d’Azur noch einmal auf. Ein Direktflug Berlin – Nizza für ein fiktives Datum dauert 2:15 Stunden; Kosten: ab circa 150 Euro pro Person hin und zurück. Eine Zugfahrt ab 15 Stunden kostet 251 Euro, die günstigste Variante 154,70 Euro pro Person, dauert aber 24:24 Minuten – inklusive viermal umsteigen. Buche ich noch die günstigste Rückreise dazu, lande ich bei 385,50 Euro pro Person. Das sind über 200 Euro mehr, die mich eine Zugreise kostet, selbst wenn ich den Flug kompensiere (13 Euro). Ähnlich ist es bei Reisen in andere europäische Metropolen wie Rom, Barcelona oder Lissabon. Das ist aber nicht überall so. So beträgt bei meiner Suche der Preisunterschied bei einer Reise von Berlin nach Paris und zurück (jeweils die günstigste Variante für einen Zeitraum x) nur zwei Euro, nach London oder Prag reise ich mit dem Zug sogar günstiger. Auch bei Fernbussen kann man nach Angeboten schauen. Und weil es um weniger CO₂-Emission ging: Die Flugreise Berlin – Nizza – Berlin setzt laut Atmosfair 555 Kilogramm frei, die Zugfahrt etwa 40 Kilogramm (CO₂-Rechner).

Das heißt also, wenn man die Zeit hat und die Anreise als Teil des Urlaubs versteht, kann innerhalb Europas der Zug eine echte Alternative zum Flugzeug sein. Ein Vergleich lohnt sich auf jeden Fall. Bei Fernreisen hingegen sieht es anders aus. Da gibt es nur zwei Varianten: verzichten oder kompensieren. Und wir? Wir diskutieren noch, nicht nur über die Folgen des Fliegens, sondern mittlerweile auch über die des Massentourismus in Ländern wie Thailand.


CO₂ kompensieren

Im Internet gibt es zahlreiche Anbieter, die es ermöglichen, eine Flugreise, aber auch Kreuzfahrten, Autofahrten und andere Emissionen zu kompensieren. Auch einige Fluggesellschaften und Reiseanbieter haben solche Angebote. Wer sie nutzen will, sollte darauf achten, dass aufgeführt ist, in welche Art von Projekte das Geld fließt, und dass sie mit dem CDM Gold-Standard zertifiziert sind, einem Gütesiegel für Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern. Die Stiftung Warentest hat sechs Anbieter getestet; mit sehr gut und gut bewertet wurden Atmosfair, Klima-Kollekte, Primaklima und Myclimate. Die Höhe der Kompensation variiert von Anbieter zu Anbieter, da verschiedene Berechnungsmodelle zugrunde gelegt werden. 

Der Text ist der erste von mehreren Beiträgen, in denen sich Berliner-Woche-Redakteure ganz persönlich mit dem Thema Nachhaltigkeit, dem Jahresthema des Bundesverbandes Deutscher Anzeigenblätter, auseinandersetzen – eben nachhaltICH.

Autor:

Simone Gogol-Grützner aus Mitte

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