„Keine zweite Wilmersdorfer“
Geschäftsleute lehnen geplante Fußgängerzone in der Friedrichstraße ab

Autofreie Friedrichstraße: Der Senat will das zumindest an den Wochenenden schon im Sommer.
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Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für die Grünen) will schon im Sommer die Friedrichstraße zwischen Leipziger Straße und Unter den Linden für Autos sperren. Am 23. Mai gibt es ein Treffen mit dem Händlerverein „Die Mitte“. Der lehnt eine komplette Schließung für den Autoverkehr ab.

Das Treffen Anfang Mai sollte nicht an die große Glocke gehängt werden. Senatorin Regine Günther, Bürgermeister Stephan von Dassel und die für das Straßenamt zuständige Stadträtin Sabine Weißler (alle Grüne) hatten sich in der Friedrichstraße verabredet, um das Projekt Fußgängerzone zu besprechen. Der Vororttermin sollte eigentlich geheim bleiben. Die Politiker wollten nicht den Eindruck erwecken, dass hier etwas über die Köpfe der Betroffenen hinweg geplant wird. Nach dem Bekanntwerden der Stippvisite äußern sich die Politiker deshalb zurückhaltend. „Lassen Sie uns doch erst einmal mit den Anrainern sprechen. Ich fände es sehr unhöflich, wenn diese zuerst aus den Medien erfahren, was ich über ihre Straße denke“, sagt zum Beispiel Mittes Bürgermeister Stephan von Dassel.

Nach Informationen der Berliner Woche will Verkehrssenatorin Regine Günther am 23. Mai bei einem Treffen mit dem Gewerbeverein „Die Mitte“ checken, wie die Anrainer zu dem Plan stehen. Günther hat die Friedrichstraße als Pilotprojekt für eine Flaniermeile ohne Autos ausgemacht. Schon im Sommer sollen vorerst an den Wochenenden keine Autos mehr durch die Einkaufsstraße rollen. Günthers Sprecher Jan Thomsen spricht von einem „Leuchtturmprojekt, um Erfahrungen zu sammeln.“ Wenn es gut laufe, solle das ausgeweitet werden. Heißt: Am Ende der Testphase soll die Friedrichstraße eine komplette Fußgängerzone werden. Außer Lieferverkehr soll kein Auto dort mehr lang fahren.

Mehr Aufenthaltsqualität statt Sperrungen

Dieses Vorhaben lehnt der Verein „Die Mitte“, der aus der 1992 gegründeten IG Friedrichstraße hervorgegangen ist, komplett ab. „Eine zweite Wilmersdorfer Straße brauchen wird nicht“, sagt „Die Mitte“-Chef Guido Herrmann. Die Interessenvertretung der Gewerbetreibenden mit 170 Mitgliedern aus den Bereichen Einzelhandel, Immobilien, Kultur, Dienstleistungen und Hotellerie/Gastronomie könnte sich „temporäre Maßnahmen“ vorstellen, das heißt Schließungen an bestimmten Wochenenden. Herrmann befürchtet schnellen Aktionismus wie in der Kreuzberger Bergmannstraße oder der Begegnungszone Maaßenstraße in Schöneberg. „Wenn man es versauen will, macht man es so“, so Herrmann. Für die Anrainer stehe ganz klar die Devise „Aufwertung vor Schließung“.

Um die Aufenthaltsqualität in der Friedrichstraße zu verbessern und „den Raum zum Leben zu erwecken“, könnten die Gehwege verbreitert oder Parkbuchten zurückgebaut werden, so Herrmann. Auch mehr Grün fordert der Verein seit langem. An der Straße gibt es keinen Baum. Die Straße ist für Bäume schwierig, weil die Wurzeln im Untergrund auf zahlreiche Kabel, Kanäle und Schächte stoßen. Aber es gebe dennoch etliche Möglichkeiten zur Begrünung wie zum Beispiel große Pflanzkübel. „Über zehn Jahre wurden wir allein gelassen, da ist nichts passiert“, sagt Herrmann und ärgert sich über den plötzlichen Druck so kurz vor der Europawahl. Er hat schon im März ein Gesamtkonzept und einen durchdachten Plan statt „einen autofreien Flickenteppich als Lösung“ gefordert.

Grüne übernehmen SPD-Thema

Damals war ein SPD-Antrag mit dem Titel „Verkehrsberuhigung Friedrichstraße – Einrichtung einer Fußgängerzone in einem Abschnitt der Friedrichstraße“ bekanntgeworden. Wie es aussieht, wollen die Grünen als Koalitionspartner das Thema jetzt komplett für sich verbuchen. Tino Schopf, der als Verkehrsexperte der SPD-Fraktion den Antrag entwickelt hat, zeigte sich auch verwundert über den plötzlichen Vorstoß der Senatsverkehrsverwaltung. Schopf will die Friedrichstraße sogar vom Bahnhof Friedrichstraße bis zum Checkpoint Charlie zur Fußgängerzone machen. Oliver Friederici von der CDU-Fraktion nennt Günthers Plan „wieder irgendein politisches Prestigeprojekt, dass den Berlinern vorgesetzt werden soll“.

Guido Herrmann will beim ersten Treffen mit Regine Günther und dem Bezirk am 23. Mai ausloten, was die Friedrichstraße nach vorn bringen kann. „Eine totale Fußgängerzone ist mit uns aber nicht zu machen“, stellt er klar.

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