"Ich kenne kein Kind, das nichts kann"
Mahi Christians-Roshanai über Chancengleichheit, überforderte Lehrer und gute Schulen

Mahi Christians-Roshanai versteht sich als Brückenbauerin zwischen Schülern, Eltern und Lehrern.
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Mahi Christians-Roshanai kam 1970 als Kind iranischer Eltern in Neukölln zur Welt. Sie studierte auf Lehramt, arbeitete zehn Jahre an einer Grundschule und betreibt seit 18 Jahren ihre „Schülerhilfe Maja“ am Mariendorfer Weg 1. Ehrenamtlich ist sie in Bildungsnetzwerken aktiv und bietet kostenfreie Beratungen zu Schulabschlüssen und zum Übergang von der Grund- zur Oberschule. Wir sprachen mit ihr über das Thema Bildung.

Frau Christians-Roshanai, Sie arbeiten mit Neuköllner Kindern und Jugendlichen, die Schwierigkeiten in der Schule haben. Wie gehen Sie an Ihre Aufgabe heran?

Mahi Christians-Roshanai: Ich mache den Schülern klar, dass nur sie selbst das Ruder herumreißen können. Wenn sie es wollen, schaffen sie es, auch wenn das Verhaltensänderung und harte Arbeit bedeutet. Bei Förderschülern versuche ich, auf ihren Wunsch hin, sie aus diesem Status herauszubekommen – auch wenn ihre Noten erst einmal schlechter werden könnten. Nur so können sie einen qualifizierten Abschluss machen, denn der ist das Wichtigste.

Gibt es keine aussichtslosen Fälle?

Mahi Christians-Roshanai: Ich habe noch keinen Schüler kennengelernt, der nichts kann. Ich unterrichte zum Beispiel eine begnadete Fußballerin, die denkt schon ab und zu: Wozu brauche ich Mathe oder Englisch? Ich habe ihr versprochen, ihre Karriere zu begleiten, sie hat mir versprochen, zu lernen. Wirklich schlimm ist es, wenn sich ein Kind verbessert, und der Lehrer honoriert das dann nicht. Auch das kommt durchaus vor.

Aber dem Lehrer muss doch klar sein, dass er dem Schüler so die Motivation nimmt.

Mahi Christians-Roshanai: Ja, ich suche dann das Gespräch. Aber manchmal ist es für eine Lehrkraft schwer, objektiv zu sein, die Benotung vom vielleicht mangelhaften sozialen Verhalten eines Kindes zu entkoppeln. Persönliche Befindlichkeiten spielen immer mit.

Erwarten wir zu viel von Lehrern und der Institution Schule?

Mahi Christians-Roshanai: Ja. Die Strukturen fördern keine Chancengleichheit, sind unflexibel. Einerseits heißt es, jeder Schüler hat das Recht auf individuelle Förderung. Andererseits kassiert ein sehr schüchternes Kind eine Fünf nach der anderen, wenn es sich nicht mündlich beteiligt, egal wie talentiert es ist. Das dürfte nicht sein, aber so sind die Vorgaben. Ein einzelner Lehrer kann nicht alle Kinder gleich fördern. So viele Stunden hat der Tag nicht. Er muss ja nicht nur unterrichten, sondern sich vorbereiten, Konferenzen besuchen, Verwaltungskram erledigen. Es fehlt ihm auch an Freiräumen, sich mit Kollegen auszutauschen.

Macht der Ganztagsbetrieb es für Schüler einfacher?

Mahi Christians-Roshanai: Das kommt darauf an. Manchen Politikern geht es vorrangig darum, die Kinder aus den Familien „rauszuholen“, das nehme ich ihnen übel. In einer guten Ganztagsschule muss es Bildungsangebote für alle geben, Lernzirkel, in denen ruhig gearbeitet wird und die Hausarbeiten gemacht werden.

Aber ist es nicht wirklich so, dass es viele Kinder schwer zu Hause haben?

Mahi Christians-Roshanai: Sicher. Viele kommen schon fix und fertig in die Schule, stehen um 5 Uhr auf, weil die Eltern zur Arbeit müssen, schlafen zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer, können sich nicht in Ruhe draußen austoben, weil um sie herum nur Autos sind. Aber schwierigere Elternhäuser einfach als „bildungsfern“ abzustempeln, darüber ärgere ich mich. Viele Mütter und Väter haben auch ihre Geschichten und es sich nicht ausgesucht, selbst keinen Abschluss zu haben.

Sie plädieren auch dafür, dass ein Migrationshintergrund keine Rolle mehr spielen sollte.

Mahi Christians-Roshanai: Darüber sollten wir viel weniger reden und uns mehr Zeit nehmen, gemeinsame Werte zu entwickeln. Aber Diskriminierung findet noch statt. Kinder mit bestimmten Familiennamen werden stigmatisiert, Eltern teils nicht auf Augenhöhe behandelt. Gleiche Bildungschancen sind für alle sozial benachteiligten Schüler immer noch nicht sichergestellt. Migrantenkinder bekommen seltener Gymnasialempfehlungen, scheitern häufiger im Probejahr.

Aber woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Mahi Christians-Roshanai: Kindern, die aus Grundschulen mit hohem Migrantenanteil kommen, wird weniger zugetraut. Unsere Grundschulen haben unterschiedliche Lernniveaus. Die Folgen sind fatal. Es gibt aber auch zum Beispiel Schulen, in denen etliche Lehrer einen Migrationshintergrund haben und Vorbilder sind. So nimmt die Bedeutung, die der Herkunft zugeschrieben wird, ab.

Was braucht eine Schule, um allen Schülern gerecht zu werden?

Mahi Christians-Roshanai: Zum Beispiel einen Pool von angehenden Lehrkräften, auf die sie bei Lernschwierigkeiten sofort zugreifen kann. Die die Lehrer unterstützen, Patenschaften übernehmen. Und wesentlich mehr Flexibilität. Lernförderung in der Schule sollte es für alle Schüler geben, unabhängig vom berlinpass. Im Prinzip ist es möglich, alle Schüler zum Erfolg zu führen.

Autor:

Susanne Schilp aus Neukölln

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