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Der alte Märchenbrunnen
Die wechselvolle Geschichte eines Bauwerks im Von-der-Schulenburg-Park

Im Wasserbecken spiegelt sich das Bauwerk, das im Jugendstil mit gotisierenden Elementen errichtet wurde.
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Im Wasserbecken spiegelt sich das Bauwerk, das im Jugendstil mit gotisierenden Elementen errichtet wurde. (Foto: Schilp)

Hört der Durchschnittsberliner „Märchenbrunnen“, denkt er unweigerlich an die riesige Anlage im Volkspark Friedrichshain. Doch auch in Neukölln gibt es einen Märchenbrunnen, ein Kleinod mit bewegter Geschichte.

Zu finden ist er im Von-der-Schulenburg-Park an der südlichen Sonnenallee, einer kleinen Grünanlage, die längst nicht jeder kennt und deren Schönheit überrascht. Mittendrin der Brunnen, doch mit dem Original hat er nicht mehr viel zu tun. Das stammte vom Rixdorfer Bildhauer Ernst Moritz Geyger. Er hatte 1914 von der Stadt Neukölln den Auftrag für einen repräsentativen Brunnen erhalten. Aufgestellt werden sollte er in der Nähe des gerade erbauten Rathauses oder auf dem Hertzbergplatz.

Geyger machte sich an die Arbeit und schuf innerhalb von drei Jahren das Gipsmodell für sein „Symbol des Waldesdomes“, auch „Deutscher Wald“ genannt, ein Pavillon, umgeben von einem Muschelkalk-Becken. Ein bronzener Hirsch und eine Hirschkuh mit Kalb wurden gegossen. Doch mit dem Ende des Ersten Weltkriegs änderte sich die politische Lage und die Stimmung.

Ein Brunnen des eher konservativen Geyger war nun nicht mehr erwünscht. Die bereits fertigen Teile wurden in einem Straßenreinigungsdepot gelagert. Erst 15 Jahre später – nun waren die Nazis am Ruder – fand der Jugendstil-Brunnen seinen Platz im Schulenburgpark, samt Hirschfamilie, 16 wasserspeienden Putten, Ziersäulen, schlanken Türmchen und Pflanzenornamenten.

Zur feierlichen Einweihung traten Kinder in Märchenkostümen auf, und so verpasste der Volksmund dem Bauwerk seinen Namen, der sich schnell durchsetzte. Dabei mag auch eine Rolle gespielt haben, dass die umliegenden Straßen seit den 20er-Jahren märchenhafte Namen trugen: Sie sind nach Rübezahl, Drosselbart, Hänsel und Gretel benannt.

Die braunen Machthaber hätten es gerne beim „Symbol des Walddomes“ belassen, denn diese pompöse und naturverklärende Bezeichnung passte ausgezeichnet zu ihrer Ideologie, die Deutschland geradewegs in den Zweiten Weltkrieg führte. Alle Bronzefiguren des Brunnens wurden nun eingeschmolzen, andere Teile gingen verloren.

Nach 1945 hatten die Neuköllner dann anderes zu tun, als sich um Kunst oder Grünanlagen zu kümmern. Das Bauwerk verfiel, Vandalen richteten Schaden an. Erst 1970 entschloss man sich zu einer Renovierung. Und jetzt wurde der Brunnen zum ersten Mal seinem Namen wirklich gerecht: Die Bildhauerin Katharina Szelinski-Singer schuf aus Kalkstein zwei Szenen aus den Märchen „Aschenputtel“ und „Brüderchen und Schwesterchen“, die fortan die Bronze-tiere ersetzten.

Doch rund zehn Jahre später musste die Anlage bereits wieder stillgelegt werden, Vandalen hatten mehrfach und gründlich zugeschlagen. Zu einer umfassenden und rund anderthalb Millionen Euro teuren Sanierung kam es schließlich in den Jahren 2000 und 2001. Jetzt konnten auch die fehlenden Bronzeputten ersetzt werden. Die Künstlerin Anna Bogouchevskaia wählte dafür Tier- und Märchenmotive, setzte aber auch eigene Ideen um. Nun bevölkern wieder 16 kleine Figuren den Brunnen.

Wer sich die denkmalgeschützte Grünanlage und den Märchenbrunnen ansehen möchte, fährt mit der S-Bahn bis Köllnische Heide oder nimmt den Bus M 41 bis zur Station Schulenburgpark. Kleiner Wermutstropfen: Der große Kinderspielplatz ist zurzeit gesperrt. Aschenputtel und Tauben beim Verlesen der Linsen.

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