Wer wohnt wo?
Umstrittene Straßenumbenennungen im Afrikanischen Viertel sorgen für Verwirrung

Karina Filusch und Johann Ganz von der Initiative Pro Afrikanisches Viertel kämpfen für den Erhalt der Petersallee.
  • Karina Filusch und Johann Ganz von der Initiative Pro Afrikanisches Viertel kämpfen für den Erhalt der Petersallee.
  • Foto: IPAV
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Acht Monate nach dem umstrittenen Bezirksamtsbeschluss, zwei Straßen und einen Platz im Afrikanischen Viertel umzubenennen, wurden die Umbenennungen für zwei Straßen jetzt im Amtsblatt für Berlin öffentlich bekanntgegeben.

Wohnt Carsta Knaack noch in der Petersallee oder in der Anna-Mungunda-Allee? Der Mitarbeiter beim Bürgertelefon der Polizei konnte bei der Adressenabfrage mit Petersallee am 29. Dezember nichts anfangen. Sein Computer spuckte die neue Anschrift aus: Anna-Mungunda-Allee. Doch draußen auf der Straße hängen immer noch die Petersallee-Schilder. Dass neue Namen vergeben wurden, ist nicht zu erkennen. Das Wirrwarr um die Umbenennungen erreicht jetzt auch praktisch die betroffenen Anwohner und ist gefährlich. Unterschiedliche Adressen in Datenbanken können Notärzte oder Feuerwehr in die Irre führen. „Mich ärgert auch, dass die Leute nicht informiert werden und alles heimlich durchgezogen wird“, sagt Carsta Knaack, die gegen die Anna-Mungunda-Allee Ende Dezember Widerspruch beim Bezirksamt eingelegt hat. Und damit wohl zu spät. Denn die Widerspruchsfrist beträgt vier Wochen nach Veröffentlichung im Amtsblatt. Die Umbenennung der Petersallee zwischen Müllerstraße und Nachtigalplatz in Anna-Mungunda-Allee und zwischen Nachtigalplatz und Windhuker Straße in Maji-Maji-Allee wurde im Amtsblatt Nummer 47 am 23. November veröffentlicht.

Johann Ganz von der Initiative Pro Afrikanisches Viertel (IPAV), die seit Jahren gegen die Umbenennungen kämpft, nennt die Bekanntgaben „nach monatelanger gezielter Untätigkeit“ eine „unwürdige Trickserei“. Die „Schildersturm-Stadträtin“ Sabine Weißler (Grüne) wolle die „von ihr ideologisch betriebenen Straßenumbenennungen im Afrikanischen Viertel“ kleckerweise durchführen, „um viel Unklarheit über Widerspruchsfristen zu schaffen und den Widerstand aufzusplittern, was nicht gelingen wird“. Ganz weiß von 21 Widersprüchen. Da nicht jeder Anwohner die IPAV informiert, geht er von wesentlich mehr aus. „Für die Glaubwürdigkeit und Qualität der Argumente ist die Zahl unerheblich“, so Ganz.

Zur Umbenennung der Lüderitzstraße läuft die Widerspruchsfrist noch bis 28. Januar. Das Bezirksamt hat die Umbenennung in Cornelius-Fredericks-Straße im Amtsblatt Nummer 52 am 28. Dezember veröffentlicht. In der amtlichen Mitteilung zu dieser Straße wurde jedoch, anders als bei der Petersallee, zusätzlich bekanntgegeben, dass die Umbenennung am 1. April 2019 wirksam wird. Auch gibt es bei der Lüderitzstraße eine kurze Begründung: Die 1902 nach dem Großkaufmann Franz Adolf Eduard Lüderitz benannte Lüderitzstraße wird „zu Ehren des antikolonialen Widerstandskämpfers in Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia) Cornelius Fredericks“ umbenannt. Der Beschluss dazu vom April 2018 wurde im Oktober noch mal wegen korrigierter Schreibweise geändert. Der ursprünglich beschlossene Straßenname Cornelius-Frederiks-Straße (nur mit k) entsprach nicht der Schreibweise auf dem in Namibia errichteten Ehrenmal.

"Dilettantismus und Blamagen"

Für die ebenfalls beschlossene Umbenennung des Nachtigalplatzes gibt es bis heute keine amtliche Veröffentlichung. Auch hier musste der Bezirksamtsbeschluss vom April, den Nachtigalplatz in Bell-Platz umzubenennen, auf Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Oktober in Manga-Bell-Platz präzisiert werden. Den Linken war die peinliche Tatsache aufgefallen, „dass die Benennung Bell-Platz oder Familie-Bell Platz zur Verwechslung mit dem Reichskolonialminister Johannes (Hans) Bell (1868-1949) führen kann und in der internationalen Wahrnehmung bereits geführt hat“, hieß es in der Begründung. Darauf hatten Mitglieder der Familie Emily und Rudolf Douala Manga Bell hingewiesen. Der Manga-Bell-Platz soll Emily Douala (1881-1936) und Rudolf Douala Manga Bell (1873-1914) ehren, König der Douala im heutigen Kamerun.

Dass im Bezirksamt niemandem die Verwechslungsgefahr ausgerechnet mit dem Reichskolonialminister aufgefallen ist, ist besonders pikant in dem Umbenennungs-Hickhack. Denn das Bezirksamt hat die Petersallee genau mit dem Argument der vermeintlichen Verwechslung umbenannt. Die Petersallee ehrt seit 1986 den NS-Widerstandskämpfer, CDU-Politiker und Mitautor der Berliner Verfassung Hans Peters. Die ursprünglich 1939 nach dem Kolonialpolitiker und Unternehmer Carl Peters benannte Straße wurde 1986 auf Drängen der Anwohner per BVV-Beschluss umgewidmet. Ein Gutachten des bezirklichen Rechtsamtes bestätigt das. Darin heißt es: „Im Jahre 1986 wurde auf der Grundlage des Beschlusses der BVV Mitte vom 23.07.1986 durch das Anbringen von Erläuterungsschildern an den Straßenschildern klargestellt, dass Namenspatron der Petersallee der Stadtverordnete Prof. Dr. Hans Peters (1896-1966) ist.“ Trotz des eigenen Gutachtens stehen die Grünen-Stadträtin Sabine Weißler wie auch die SPD und Linke auf dem Standpunkt, dass die Petersallee 1986 nie offiziell umbenannt wurde.

Dass Weißler nicht alle im Bezirksamt beschlossenen Umbenennungen zeitgleich im Amtsblatt veröffentlichen ließ, sondern ausgerechnet als erste die umstrittene Umbenennung der Petersallee, „ist ein weiteres trauriges Kapitel in der von Dilettantismus und Blamagen gezeichneten Umbenennungsgeschichte“, so Johann Ganz. Statt an der nach einem Demokraten benannten Petersallee wohnen die Anwohner jetzt an der Anna-Mungunda-Allee und Maji-Maji-Allee. Maji Maji soll laut BVV-Beschluss den antikolonialen Widerstandskampf (1905-1907) im damaligen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda) bezeichnen. Der Begriff bedeutet sowas wie „heiliges Wasser“. Mit dem Schlachtruf glaubten die schwarzen Kämpfer, die Kugeln der feindlichen Soldaten abzulenken. „Der Maji-Maji-Aufstand, an den der neue Straßenname des nördlichen Teils der Petersallee erinnern soll, war eine nationalistische und kolonialistische Spottbezeichnung“, sagt Johann Ganz. Mit dem Begriff Maji Maji hätten sich die Kolonialisten über den Widerstand der schwarzen Bevölkerung lustig gemacht, weil die einheimischen Kämpfer glaubten, mit einem Wunderwasser gegen eine militärische Übermacht zu bestehen.

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