Für Gewerbemieter ist keine Lösung in Sicht
Das große Bangen an der Rhenaniastraße

Hoffen auf echte Hilfe: Walter Lang (links), Thorsten Schwemmler (2. von rechts) und andere Gewerbetreibende im Gespräch mit Daniela Billig (Mitte) und Carola Zarth (links).
2Bilder
  • Hoffen auf echte Hilfe: Walter Lang (links), Thorsten Schwemmler (2. von rechts) und andere Gewerbetreibende im Gespräch mit Daniela Billig (Mitte) und Carola Zarth (links).
  • Foto: Ulrike Kiefert
  • hochgeladen von Ulrike Kiefert

Die Gewerbetreibenden an der Rhenaniastraße bangen weiter um ihre Existenz. Zwar hat die Gewobag fast alle Mietverträge bis Ende Juni verlängert. Doch dann müssen sie definitiv runter, sonst droht die Zwangsräumung. Der jüngste Besuch von Grünen-Politikern und Vertretern der Handwerkskammer brachte keine Lösung.

Die Kündigung hat die 17 Gewerbemieter an der Rhenaniastraße 35 hart getroffen. Tischlereien, Gartenmöbelcenter, Imkereifachhandel, Wohnmobilwerkstatt, Ingenieurbüro, Modellbauer, Autoschrauber und ein Motorradclub – insgesamt 160 Mitarbeiter müssen runter vom Gelände.

Das Neubaugebiet Wasserstadt Oberhavel wächst, rund 200 Wohnungen und ein Gymnasium sollen auf der Gewerbefläche entstehen. Früh suchten die Gewerbetreibenden Hilfe beim Bezirksamt, schrieben Briefe an den Regierenden Bürgermeister, die Stadtentwicklungssenatorin und die Wirtschaftssenatorin. Sie stießen zwar überall auf Verständnis, nur Rettung gab es keine. Im Gegenteil. Das Land Berlin brachte die Änderung des Flächennutzungsplans (FNP) auf den Weg, um die Gewerbefläche zum Wohnstandort umwidmen zu können. Und auch im Bezirk herrscht inzwischen Konsens darüber, dort Wohnungen zu bauen statt das vorhandene Gewerbe zu erhalten. So stimmte der Stadtentwicklungsausschuss Ende 2019 hinter verschlossener Tür dem Aufstellungsbeschluss eines entsprechenden B-Plans aus dem Bezirksamt zu.

Mietverträge sind bis Ende Juni gültig

An der Rhenaniastraße hoffen die Gewerbetreibenden derweil weiter darauf, passende Ersatzflächen angeboten zu bekommen oder im Idealfall bleiben zu können. Zuletzt beim Besuch der Pankower Abgeordneten Daniela Billig (Grüne), der Präsidentin der Handwerkskammer Berlin, Carola Zarth, und Senatsvertreter Gerald Schulze Anfang Februar. Doch bevor diskutiert und beratschlagt wurde, schilderten die Gewerbemieter erst mal ihre aktuelle Situation. Und die sieht so aus: Die landeseigene Gewobag als Vermieterin verlängerte die Mietverträge zuletzt bis zum 30. Juni 2020. Schluss sollte eigentlich schon Ende 2019 sein. Im Gegenzug mussten die Mieter eine „Zwangsvollstreckungsunterwerfungserklärung“ unterschreiben. 13 haben das getan, darunter Walter Lang mit seinem Gartenmöbelcenter und Markus Scala, Inhaber des Imkereifachhandels. Tischlermeister Thorsten Schwemmler verzichtete, weshalb er für sein „stephan möbel Design & Handwerk“ die Räumungsklage angekündigt bekam.

"Damoklesschwert Wohnungsbau"

Die Imkerei ist für ihr Lager mittlerweile im brandenburgischen Kremmen fündig geworden. „In Berlin suchen wir jetzt noch nach einem kleinen Ladengeschäft“, so Markus Scala. Thorsten Schwemmler hat dagegen immer noch nichts Adäquates für seinen Tischlereibetrieb und die großen Maschinen gefunden – weder in Spandau noch in Tegel oder Schöneberg. Das Problem: „Viele Vermieter wollen keine längerfristigen Verträge abschließen, weil auch über ihnen das Damoklesschwert Wohnungsbau schwebt“. Walter Lang und seine Frau bekamen von der Gewobag zwei Grundstücke in Reinickendorf und Pankow angeboten. Doch beide liegen für ihre Stammkunden zu weit weg und haben keine Lkw-Zufahrt. „Warum hat man uns bei der Planung nicht einfach mitgedacht“, sagte Walter Lang. „Man muss landeseigene Gewerbegrundstücke doch schützen, auch für die nächste Generation.“

Gewerbe und Wohnungsbau
zusammen denken

Das sah auch Carola Zarth so. „In Berlin werden Wohnen und Gewerbe nicht zusammengeplant“, kritisierte die Präsidentin der Handwerkskammer. „Da müssen wir Lösungen finden. Es kann ja nicht sein, dass der Handwerker aus Nauen oder Kremmen kommen muss, weil es in den Kiezen kein Gewerbe mehr gibt.“ Klimaschutz sei das nicht, ganz abgesehen von den vielen Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, die im Handwerk verloren gingen. Die Spandauer Bezirksverordnete Elmas Wieczorek-Hahn (Grüne), die das Treffen organisiert hatte, verwies auf das geplante Gymnasium und eine mögliche Kooperation mit den Betrieben. „Das wäre doch eine echte Chance, wir brauchen solche urbanen Mischgebiete.“ Das sollte hier ursprünglich auch entstehen, sagte Daniela Billig. „Aber mit Blick auf den Bebauungsplan für die Wasserstadt war klar, dass es eine sehr dichte Wohnbebauung geben wird.“ Gewerbe wurde dagegen an der Rhenaniastraße 35 nur in Form von Geschäften im Erdgeschoss der Wohnhäuser mitgedacht. Bevor es mit deren Bau 2022 losgehen soll, muss das Areal aber erst noch von Altlasten befreit und saniert werden. „Das heißt, alle müssen sowieso erst mal runter“, sagte Gerald Schulze, der bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für das Projekt Wasserstadt Oberhavel zuständig ist.

Alternativstandorte in Marzahn-Hellersdorf

Den Gewerbetreibenden half das alles nicht wirklich weiter. Ersatzflächen haben nach wie vor weder das Bezirksamt noch der Senat im Angebot, und wenn, dann liegen die weit weg von Spandau in Marzahn-Hellersdorf oder im Umland. Einzige Hoffnung scheint jetzt noch das Abgeordnetenhaus zu sein. Das will vor der Sommerpause über besagte FNP-Änderung abstimmen. „Wenn im Sommer hier aber keiner mehr von uns mehr ist“, so Thorsten Schwemmler, „dann gibt es für die Abgeordneten auch keinen Grund dagegen zu stimmen.“

Hoffen auf echte Hilfe: Walter Lang (links), Thorsten Schwemmler (2. von rechts) und andere Gewerbetreibende im Gespräch mit Daniela Billig (Mitte) und Carola Zarth (links).
An der Rhenaniastraße verdrängt Wohnungs- und Schulbau alteingesessenes Gewerbe.
Autor:

Ulrike Kiefert aus Mitte

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

22 folgen diesem Profil

1 Kommentar

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Beitragsempfehlungen

SportAnzeige
Alle Handballer freuen sich, wieder in der Halle trainieren und spielen zu dürfen.
2 Bilder

lekker Vereinswettbewerb 2021
25.000 Euro für Berliner Sportvereine – mitmachen und gewinnen

Der 5. lekker Vereinswettbewerb läuft, alle gemeinnützigen Sportvereine mit eingetragenem Vereinssitz in Berlin können sich weiterhin anmelden. Die Teilnahme lohnt sich, immerhin geht es um insgesamt 25.000 Euro, die der Berliner Strom- und Gasanbieter lekker Energie für die Jugendarbeit und Nachwuchsprojekte zur Verfügung stellt. Unterstützung, die die Vereine gut gebrauchen können. Jedes Jahr bewerben sich auch Berliner Handballvereine beim lekker Vereinswettbewerb. Wir haben mit Theresa...

  • Reinickendorf
  • 06.09.21
  • 458× gelesen
Jobs und KarriereAnzeige
Informiere dich am 17. September und 1. Oktober über die Möglichkeiten deiner Zukunft.
6 Bilder

Nun aber los: Endspurt zum Ausbildungsplatz
Die Jugendberufsagentur Berlin-Reinickendorf informiert im Märkischen Viertel

Noch keinen Ausbildungsvertrag in der Tasche? Keine Idee, wie es nach der Schule weitergeht? — Fragen Sie uns! Die Jugendberufsagentur Berlin-Reinickendorf ist am 17. September und 1. Oktober im Märkischen Viertel und hat jede Menge Ausbildungs- und Beratungsangebote dabei. Der Endspurt auf dem Ausbildungsmarkt ist in vollem Gange. Bei vielen Arbeitgebern gibt es noch freie Ausbildungsplätze und die haben WIR von der Jugendberufsagentur Berlin-Reinickendorf im Gepäck! Guter Rat zu allen Fragen...

  • Bezirk Reinickendorf
  • 09.09.21
  • 375× gelesen
BildungAnzeige
Kita Wilhelmstadt Seitenansicht
6 Bilder

Kita Wilhelmstadt
Rund 200 neue Kitaplätze für Spandau

Kinder sind unsere Zukunft, das betonte der Geschäftsführer Muzaffer Toy in seiner Eröffnungsrede.  Die Einwohnerzahl von Spandau ist in den letzten Jahren stark gewachsen und damit auch der Bedarf nach Krippenplätzen. Der Berliner Bildungsträger IBEB, die Initiative für Bildung und Erziehung Berlin gGmbH, schafft hier Abhilfe. Dafür hat sie in zweijähriger Bauzeit eine neue Betreuungseinrichtung bauen lassen. Rund 200 neue Kitaplätze für Spandau wurden dadurch geschaffen. Die zweistöckige...

  • Spandau
  • 14.09.21
  • 180× gelesen
Gesundheit und MedizinAnzeige

Gesundheitsstudio VitalOne
Abnehmen und das Immunsystem stärken

Trotz unzähliger Diätprogramme steigt die Zahl der Menschen mit Gewichtsproblemen weiter an. 55 % der deutschen Frauen und 65 % der deutschen Männer sind übergewichtig – Tendenz steigend. Viele Experten sprechen bei diesen Ausmaßen schon von einer regelrechten Epidemie. Neuste medizinische Forschungen zeigen, das Übergewicht sogar als einer der Hauptfaktoren für ein schwaches Immunsystem gilt. Insbesondere das viszerale Fett, das Fett am Bauch und an den inneren Organen, wird wissenschaftlich...

  • Pankow
  • 03.09.21
  • 416× gelesen
KulturAnzeige
Das Festival bietet Kindern im Alter von 4 bis 12 Jahren in Workshops, Vorstellungen, Führungen künstlerische Abenteuer für alle Sinne.
8 Bilder

Wir feiern Geburtstag!
KinderKulturMonat 2021 steht an

Zum 10. Mal geht in diesem Oktober der KinderKulturMonat an den Start. Das Festival bietet nun schon seit einem Jahrzehnt allen Berliner Kindern im Alter von 4 bis 12 Jahren in Workshops, Vorstellungen, Führungen künstlerische Abenteuer für alle Sinne. Dabei stehen in diesem Jahr über 100 Kulturorte mit insgesamt über 200 Veranstaltungen im Programm – nicht nur in allen 12 Bezirken, sondern zum allerersten Mal auch mit Angeboten über die Stadtgrenze hinaus im Berliner Umland. Die...

  • Mitte
  • 06.09.21
  • 402× gelesen

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen