Schüler gingen auf Spurensuche zur Geschichte der Schriftgießerei Berthold

Daniela Walter und Hermann Werle mit ihrem Buch. Dessen Titelseite zeigt eine Aufnahme des Berthold-Firmengebäudes aus dem Jahr 1909.
  • Daniela Walter und Hermann Werle mit ihrem Buch. Dessen Titelseite zeigt eine Aufnahme des Berthold-Firmengebäudes aus dem Jahr 1909.
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Kreuzberg. "Am Anfang dachte ich an ein etwas größeres Referat", sagt Daniela Walter. Daraus wurde dann eine Ausstellung sowie ein 122-Seiten starkes Buch.

Schülerin Daniela Walter und Lehrer Hermann Werle waren die treibenden Kräfte des Projekts der Schule für Erwachsenenbildung im Mehringhof. In den vergangenen zwei Jahren recherchierten sie mit einem Dutzend weiterer Teilnehmer die Geschichte der Schriftgießerei H. Berthold. Das Unternehmen befand sich bis Ende der 1970er Jahre im heutigen Mehringhof an der Gneisenaustraße 2a. Am Aufgang des Hauses 1 steht noch immer der Firmenname. Dort werden bis 15. Juli die Ergebnisse der Gruppe gezeigt.

Begonnen hat alles mit einem Artikel vom Frühjahr 2013. Er listete zahlreiche Kreuzberger Betriebe auf, die während des zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter beschäftigt hatten. Darunter befand sich auch Berthold.

Mehr über das Schicksal dieser Menschen herauszubekommen, war zunächst das Ziel. Sehr schnell wurde deutlich, dass es erweitert werden musste. Nämlich zu einer Gesamtdarstellung der Firma, vor allem ihr Agieren in der Nazizeit und ein Vergleich mit anderen Unternehmen der Schriftgießerbranche.

Zahlreiche Archive wurden durchforstet, im Internet nach Quellen gesucht, Literatur gewälzt und private Korrespondenzen geführt. Manche Fragen blieben im dunkeln, auch weil viele Unterlagen vernichtet wurden oder verschollen sind. Die gefundenen Puzzelteile ergeben "ein fragmentarisches und ambivalentes Bild", fasst Hermann Werle die Ergebnisse zusammen. Demnach scheint die Schriftgießerei Berthold zumindest kein williger Vollstrecker der NS-Politik gewesen zu sein. Was wohl in ihrer Tradition begründet liegt.

Das 1858 von Hermann Berthold in der Wilhelmstraße gegründete Unternehmen zog 1869 ins Karree an der ehemaligen Belle-Alliance-Straße, dem heutigen Mehringdamm, und der Gneisenaustraße. Es stieg schnell zu einem führenden Vertreter der Branche auf. "Bleilettern aus Kreuzberg eroberten die Welt", so lautet auch der Titel der Ausstellung und des Buchs. Seit 1896 war Berthold eine Aktiengesellschaft.

Von 1900 bis zu seinem Tod im März 1929 wurde die Firma maßgeblich von Vorstandsmitglied Oskar Jolles geprägt. Er war ebenso jüdischer Herkunft wie einige Mitglieder des Aufsichtsrats. Zum Beispiel der langjährige Vorsitzende Dr. Heinz Pinner. Die Schüler fanden heraus, dass Pinner, ebenso wie der Offenbacher Bankier Bernhard Merzbach noch bis 1938 im Aufsichtsgremium blieben. Zu einer Zeit, als die meisten Unternehmen und Banken auf Druck der Nazis oder vorauseilenden Gehorsam längst ihre jüdischen Kontrolleure und Mitarbeiter entlassen hatten.

Auffallend ist bei Berthold außerdem, dass die Firma, anders als viele Konkurrenten, während des zweiten Weltkriegs nicht im großen Stil auf Rüstungsproduktion umgestellt hat. Das zeigt sich bereits an den eher mageren Geschäftsergebnisse in diesen Jahren. Deshalb waren dort auch nur wenige, wohl ausschließlich weibliche Zwangsarbeiterinnen beschäftigt.

Sie gab es aber und das macht neben anderen Kompromissen deutlich, dass sich auch dieses Unternehmen dem NS-System ebenfalls nicht völlig entzog oder entziehen konnte. Wenngleich es der Geschäftsführung anscheinend vor allem darauf ankam, die Kriegsjahre einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Um danach ganz in der ursprünglichen Tradition wieder weltweiten Handel treiben zu können.

Zum "ambivalenten Bild" gehört auch, dass die Frau und die Tochter von Oskar Jolles 1943 in Auschwitz ermordet wurden. Heinz Pinner konnte dagegen mit seiner Familie Deutschland im letzten Moment verlassen. 1947 sandte er aus Amerika Grüße an seine alte Firma.

Die erlebte nach 1945 noch einmal eine Blütezeit. Auch weil sie sich früh auf die Veränderungen in der Branche eingestellt hatte. 1979 wurde der Firmensitz von Kreuzberg an den Teltowkanal verlegt. Danach begann der Niedergang, der 1993 mit der Liquidierung endete. Andere einst große Schriftgießereien hatten teilweise bereits 20 Jahre zuvor aufgegeben.

Die Arbeit der Schüler geht deshalb über einen wichtigen Beitrag zur Kreuzberger Industrie- und Lokalgeschichte hinaus. Der Umfang des Vorhabens hat nicht nur bei Daniela Walter weitaus mehr Zeit und Energie beansprucht, als sie es sich einst gedacht hatte. Ausgeglichen wird das durch das Ergebnis und die Erfahrungen, die alle Teilnehmer mitnehmen. "Noch bevor ich das Abitur habe, kann ich mich jetzt Kuratorin nennen", lacht Daniela Walter.

Die Ausstellung im Mehringhof ist Montag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Für vier Euro kann dort auch das Buch gekauft werden. Weitere Informationen gibt es außerdem auf der Website der Schule für Erwachsenenbildung: www.sfeberlin.de.
Thomas Frey / tf
Autor:

Thomas Frey aus Friedrichshain

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