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Der Rixdorfer Galgen: Eine Fußgängerbrücke sorgte lange für Ärger

Der Übergang über die Bergstraße war nicht beliebt, aber immerhin beleuchtet.
Der Übergang über die Bergstraße war nicht beliebt, aber immerhin beleuchtet. (Foto: Schilp)

Vor fast 150 Jahren, am 17. Juli 1871, wurde der erste Teil des heutigen S-Bahnrings, des „Verbinders“, in Betrieb genommen. Nun hatte auch Rixdorf einen Bahnhof, der sich heute schlicht „Neukölln“ nennt. Doch das löste damals nicht nur Freude aus.

Gut war, dass nun jeder dort in die damals noch von einer Dampflokomotive gezogene Bahn steigen konnte, die anfangs nur zwischen Moabit und Schöneberg verkehrte - über Gesundbrunnen, Rixdorf und Tempelhof. Das war günstig für alle Arbeiter, die andernorts schufteten, während es den Bauern vorderhand wenig nützte. Sie brachten ihre Produkte mit ihren Gespannen auf die Märkte, und der Schienenstrang durchschnitt ihre Äcker.

Allerdings lockte die Bahn neue Bewohner an, es wurde gebaut, die Bodenpreise stiegen. So machten schließlich auch die Landwirte ihren Gewinn. Aber es gab ein Riesenärgernis: Während die Trasse fast überall in einem Einschnitt oder in Hochlage geplant worden war, lag sie in Rixdorf zu ebener Erde und führte mitten über die Bergstraße, die heutige Karl-Marx-Straße. Ein Zaun schottete sie ab, so dass dort kein Weiterkommen war. Händler und Bauern, die auf die andere Seite wollten, waren gezwungen, mit ihren Fuhrwerken einen Umweg über die Kirchhof- und Walterstraße zu nehmen, wo sich eine Brücke befand.

Für die Fußgänger gab es allerdings einen Übergang, eine Holztreppe, die wegen ihrer steilen Konstruktion bald die Bezeichnung „Galgen“ erhielt. Dreißig Stufen hinauf und dreißig wieder hinab, das war besonders für ältere Menschen eine beschwerliche Angelegenheit.

Wenn es regnete oder schneite, wurde es rutschig, und auch die Sittenwächter hatten Einwände: Schließlich waren die Stufen offen und von unten einsehbar. Nur die Kinder mochten den Galgen und turnten gerne auf ihm herum. Auch wiederholte Eingaben des Gemeindevorstehers Hermann Boddin nutzten nichts, das hölzerne Brückenbauwerk blieb stehen. Es verschwand erst mit dem Umbau des Bahnhofs im Jahr 1895, ein Damm wurde aufgeschüttet, und die Züge fuhren fortan über eine Brücke. Einige Quellen berichten, dass dieser Fortschritt einem Eingreifen von „ganz oben“ zu verdanken war. Angeblich ließ sich Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich einmal zur Jagd nach Rudow fahren und landete vor dem Holzzaun, weil sein Kutscher nicht mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut war.

Der Monarch äußerte sich verblüfft über die Wegsperre, die Rixdorfer baten ihn daraufhin in einem Brief um Abhilfe, und die Eisenbahndirektion wurde endlich tätig. Offensichtlich hielten die Neuköllner die seltsame Fußgängerbrücke noch in den 1920er-Jahren für eine echte Schnapsidee. Denn seit dieser Zeit wird ein Kräuterlikör gebraut, nämlich „Grützmachers Rixdorfer Galgen“.

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