Zeitzeugengespräch zum Thema Flucht nach dem 2. Weltkrieg und heute
Schon über Kinder wurde schlecht geredet

Die Ausstellung im Lutherhaus ist regelmäßig donnerstags von 16 bis 18 Uhr zu sehen.
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Zusammen mit der Evangelischen Luther-Kirchengemeinde Reinickendorf hatte die SPD-Abgeordnete Bettina König zu einem Zeitzeugengespräch über das Thema Flucht am 21. November ins Lutherhaus geladen.

Christl Behrendt berichtet von einer Empörung, die sie als Kind empfand, und die in den vergangenen Jahren wieder aufkam. Die 78-Jährige gehört zu den Menschen, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem Sudetenland vor der Roten Armee flohen. Sie erlebte die Verzweiflung, wenn auf der chaotischen Flucht Kinder von ihren Eltern getrennt wurden. Auch ihr wäre das beinahe passiert, hätte nicht eine Rotkreuz-Schwester beherzt eingegriffen.

Mit ihrer Mutter fand Christl Behrendt Unterkunft bei Verwandten im nordrhein-westfälischen Remscheid. Und dort passierte das, was sie schon als Kind traf: Alteingesessene Nachbarn „redeten misslich über uns“. Für die waren die Flüchtlinge Menschen aus einem unzivilisierten Teil Deutschlands, die man nur widerwillig aufnahm. „Und heute passiert dasselbe mit den Flüchtlingen“, sagt Behrendt. Sie widerspricht daher laut, wenn andere Menschen über Flüchtlinge herziehen, sagt sie.

Zweimal wurden Fluchtversuche verraten

Renate Werwigk-Schneider empört sich ebenso über das Beschimpfen von Flüchtlingen. Sie hat ebenfalls eine dramatische Fluchtgeschichte. Die in der Nähe von Berlin in eine evangelisch-bürgerliche Familie hineingeborene spätere Kinderärztin flog mit 14 Jahren in der DDR von der Schule, weil sie in der Jungen Gemeinde aktiv war. Nach dem Mauerbau wollte sie mit anderen über einen Fluchttunnel aus der DDR fliehen. Das Vorhaben wurde verraten.

Nach einer Haftstrafe versuchte Renate Werwigk-Schneider, 1967 über Bulgarien aus der DDR zu fliehen. Wieder scheiterte die Flucht, die junge Frau wurde zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach einem Jahr wurde sie in den Westen freigekauft. In Berlin machte sie die Erfahrung, dass sie „Hilfe von überall bekommen“ hat, jeder habe ihr geholfen. Dass das heute angesichts rechtspopulistischer Hetze gegen Flüchtlinge anders ist, macht sie zornig.

Syrer hofften umsonst auf Frieden

Der syrische Anwalt Khalil Sharaf hoffte zunächst darauf, dass der Bürgerkrieg in seinem Land bald enden würde. Doch nachdem er mehrmals verhaftet worden war, floh er mit seiner Familie über Jordanien nach Europa und dann nach Deutschland. Ein Ehrenamt in Reinickendorf bei der Errichtung eines Kinderspielplatzes hat ihm eine Arbeit verschafft und zuletzt sogar eine Wohnung für seine Familie. Sein Landsmann Mahmoud Ragees verließ seine Heimat 2015, als er zum Militär eingezogen werden sollte. Beide hoffen, hier „wie normale Menschen“ leben zu können.

Das Zeitzeugengespräch war Teil einer Veranstaltungsreihe der Luther-Kirchengemeinde zum Thema Flucht. Dazu gehört bis zum 31. Januar die Ausstellung „Heimat-Los“ mit Porträts von geflüchteten Menschen um 1945 und heute, die zu den Gemeindeveranstaltungen im Gemeindehaus Stegeweg 7 und im Lutherhaus, Baseler Straße 18 zu sehen ist. Das Lutherhaus ist zudem donnerstags von 16 bis 18 Uhr geöffnet.

Die Ausstellung im Lutherhaus ist regelmäßig donnerstags von 16 bis 18 Uhr zu sehen.
Die Vorsitzende des Landesfrauenbeirates Christine Kurmeyer (Mitte) moderierte das Gespräch mit Renate Werwigk-Schneider, Christl Behrendt, Khalil Sharaf und Mahmoud Ragees.
Autor:

Christian Schindler aus Reinickendorf

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