"Lebendige Bibliothek" stoppt in Stadtbibliothek
Wie ein offenes Buch

Verleihen sich gern und haben viel zu erzählen: Gerhard, Andrea und Klaus im Gespräch mit Louise Kreuschner (2. von rechts).
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  • Verleihen sich gern und haben viel zu erzählen: Gerhard, Andrea und Klaus im Gespräch mit Louise Kreuschner (2. von rechts).
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Die „Human Library“ ist eine Bibliothek der besonderen Art. Denn sie kommt ganz ohne Bücher aus. In der Stadtbibliothek hat sie sich jetzt vorgestellt.

Im Foyer der Stadtbibliothek sitzen sich eine ältere Frau und ein ehemaliger Obdachloser an einem Tisch gegenüber. Sie unterhalten sich angeregt. Was haben die zwei nur gemeinsam? Wie kommen sie dazu, sich hier zu treffen, und worüber reden sie?

Die beiden sind Teil einer Bibliothek der besonderen Art. Denn diese kommt ganz ohne Bücher aus. Wie das funktioniert, stellte der Verein „Lebendige Bibliothek“ am 28. Februar in der Stadtbibliothek Spandau vor. Die Menschen, die bei diesem Projekt mitmachen, tauchen ohne Lesestoff in fremde Geschichten ein. „Denn sie treffen Menschen, die ihnen wie lebendige Bücher aus erster Hand ihre eigene Lebensgeschichte erzählen“, erklärte Vereinsvorsitzende Louise Kreuschner die Idee dahinter. „Sie alle engagieren sich ehrenamtlich, um mit anderen ins Gespräch zu kommen und ihre Fragen zu beantworten.“ Fragen wie diese: „Was erlebt eine Frau, die in Berlin ein Kopftuch trägt? „Wie ist es eigentlich, wenn man fast nichts sieht?“ Wie lebt man mit HIV? Als Analphabet? Im Rollstuhl und mit Depressionen? Und wie ist es eigentlich, transsexuell zu sein?

Die „Lebendige Bibliothek“ verleiht also Personen und bringt so Menschen zusammen, die sonst kaum miteinander in Kontakt treten würden, sich ignorieren oder meiden und manchmal sogar voreinander fürchten.

"Das Leben auf der Straße
ist anders als viele denken"

Auch Klaus, der ehemalige Obdachlose, hat solche Erfahrungen gemacht. „Alle Obdachlosen sind Männer und Alkoholiker, die die geborenen Verlierer sind. So lautet doch das Vorurteil“, sagte er. „Dabei ist das Leben auf der Straße anders, als sich viele vorstellen.“ Klaus will sich nicht damit abfinden, wenn andere intolerant und diskriminierend sind. Deshalb macht er mit bei dem Projekt. „Man kann mit mir über alles reden, außer Wellenreiten.“

Auch Gerhard kann man sich ausleihen. Er hat erst mit 53 Jahren angefangen, richtig Lesen und Schreiben zu lernen. „Es ist schwer, die Sachen in den Kopf zu bekommen, aber es macht Spaß zu lernen und es ist wichtig. Meiner Tochter konnte ich nie Gute-Nacht-Geschichten vorlesen. Das musste immer meine Frau machen.“ Inzwischen ist er 61 Jahre alt und will mit seiner Lebensgeschichte Leute erreichen, die selbst Probleme oder Vorurteile haben.

Und da ist auch noch Andrea, eine „fast zu späte Frau“. Andrea ist transsexuell und lebt seit drei Jahren als Frau. „Im Alltag war ich wiederholt Opfer offen verbaler Anfeindungen und physischer Gewalt“, erzählte sie. „Das passiert mir heute, wenn auch sehr viel seltener, immer noch.“ Mit Andrea kann man über fast alles reden – auch über das Anderssein.

Vor vier Jahren von der GAL
ins Leben gerufen

Ob die „Lebendige Bibliothek“ wieder nach Spandau kommt, weiß Fachbereichsleiterin Heike Schmidt noch nicht. „Wir werden sehen, wie es ankommt. Aber wir hätten sie gern öfter zu Gast.“ Die Idee, die „Lebendige Bibliothek“ nach Spandau zu holen, hatten vor vier Jahren die Grünen, damals noch GAL. Die BVV befürwortete das. Die „Lebendige Bibliothek“ ist aber nicht nur für Menschen interessant, die über andere etwas erfahren wollen, sondern auch für solche, die ihre persönliche Geschichte mit ihren Mitmenschen teilen wollen. Deshalb kann man sich nicht nur als interessierter „Leser“, sondern auch als „Buch“ registrieren lassen. Kontakt zum Verein gibt es unter louise.kreuschner@lebendige-bibliothek.org.

Verleihen sich gern und haben viel zu erzählen: Gerhard, Andrea und Klaus im Gespräch mit Louise Kreuschner (2. von rechts).
Die lebendigen Bücher erzählen ihre Geschichte ganz ohne Lesestoff.
Autor:

Ulrike Kiefert aus Mitte

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