Bezahlbarer Wohnraum ist die halbe Miete. Bezahlbarer Wohnraum auch für uns? Bericht der ersten Moabiter Jugendversammlung „WOhnsinn“ von SOS-Kinderdorf

Wie finde ich als junger Mensch in Berlin erfolgreich eine bezahlbare Wohnung? Was sind die Herausforderungen auf dem Weg dorthin? Warum sind die Mieten in Berlin so hoch? Diese und noch viele weitere Fragen hat das SOS-Kinderdorf Berlin am 31. Oktober gemeinsam mit über hundert jungen Teilnehmer*innen während der ersten Moabiter Jugendversammlung „WOhnsinn“ hinterfragt, vertieft und lebendig diskutiert. „WOhnsinn“ gab anhand der Schwerpunktthemen Wohnungssuche und Mietpreispolitik den teilnehmenden Jugendlichen an dem Tag die Möglichkeit, ihre Stimme hörbar zu machen: sie diskutierten mit anderen Jugendlichen über die Aspekte, die junge Menschen heute und morgen beim Thema bezahlbarer Wohnraum bewegen. Wie kann aktives fokussiertes Suchen nach einer Wohnung aussehen? Was hält unsere Gesellschaft beim Themenkomplex Mieten und Wohnen zusammen und was spaltet sie? Berlin ist der Ort, an dem Wohnungspolitik gemacht wird: die Jugendlichen bekamen während der „WOhnsinn“ Konferenz die Gelegenheit, mit Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher, sowie den beiden jugendpolitischen Sprecherinnen June Tomiak, Melanie Kühnemann-Grunow und Olaf Lemke, dem Kreisvorsitzenden der CDU Mitte, ins Gespräch zu kommen. Dabei kam es zu einem vielfältigen und kontroversen Meinungsaustausch der jungen Teilnehmer*innen mit und ohne Migrationshintergrund mit den Politiker*innen. Gemeinsam wurde über eine soziale und nachhaltige Wohnungspolitik Berlins diskutiert. Die eingeladenen Politiker*innen bekamen von den jungen Menschen Impulse für die Politik, was es für den Wohnungsbau noch zu tun gibt.

An die erste eigene Wohnung und das damit verbundene Gefühl von Unabhängigkeit, kann sich wohl jede und jeder Erwachsene noch gut erinnern. Mit steigendem Druck auf dem Wohnungsmarkt wird die Suche nach einer Wohnung aktuell immer schwieriger, insbesondere auch für Jugendliche. Es ist es daher die Aufgabe der Politik dafür zu sorgen, dass sie nicht an den Rand gedrängt werden.
Katrin Lompscher, Stadtentwicklungssenatorin in Berlin

Die Jugendlichen wiederum gewannen an den 7 verschiedenen Thementischen mit jeweils einem Wohnexperten Einblicke über steigende Mieten und den notwendigen Bau von Sozialwohnungen, die Aufgaben der städtischen Wohnungsbaugesellschaften, sowie auch Einblicke über die Funktion der Wohnungsgenossenschaften. Einen Thementisch weiter sprach man mit dem kreativen Wohngestalter Van Bo Le Mentzel über die Arbeit der Berliner Antidiskriminierungsstelle zum Thema Wohnungssuche: denn der Schutz des „Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes“ gilt für alle Menschen, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus. Gerade in den Lebensbereichen Wohnen und Arbeit erleben jedoch junge Menschen mit Migrationshintergrund besonders häufig eine Diskriminierung. Van Bo Le Mentzel geht es in seiner Arbeit um neue selbstorganisierte, gemeinwohlorientierte Wohnprojekte für alle Menschen in der Stadt. Er stellte bei „WOhnsinn“ sein Tiny House vor. Mir hat das Tiny House sehr gut gefallen! Ziemlich klein, aber für das Bisschen ist es eigentlich ziemlich gut! So lautete der Befund einer jungen Teilnehmerin, als sie das Tiny House bei SOS-Kinderdorf in der Botschaft für Kinder besichtigte.
Nebenan wurde an einem weiteren Thementisch über die zu langen Wartelisten der Wohnungsbaugesellschaften und über den Umstand, dass Azubis eigentlich Lehrlingswohnungen bräuchten reflektiert: Auszubildende haben einen erschwerten Zugang zum engen Wohnungsmarkt. Gemeinsam ist ihnen das häufig geringe Einkommen, und dass viele Vermieter*innen nicht gerne an sie vermieten. Das Lehrlingsgehalt einer geförderten Ausbildung beträgt für sie in einer geförderten Maßnahme im ersten Lehrjahr 338,00 €, im zweiten Lehrjahr 354 Euro, im dritten Lehrjahr 372 Euro in Berlin. Für IHK Lehrlinge liegen die Beträge bei 751,00 Euro im ersten Lehrjahr, im zweiten Lehrjahr 826,00 Euro, im dritten Lehrjahr bei 915 Euro. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Jugendlichen oftmals besonders große Schwierigkeiten haben, etwas Bezahlbares an Wohnraum zu finden. Sie bewegen sich in einer permanenten Förderkette, denn ohne Berufsausbildungsbeihilfe oder Wohngeld ist das Leben in den eigenen vier Wänden schlichtweg für sie nicht finanzierbar. Eine eigene Wohnung bleibt oftmals ein weit entfernter Traum für sie. Zumal außerdem in der Immobilienwirtschaft die Meinung vorherrscht, man hole sich nur Schwierigkeiten ins Haus, wenn man an sie vermietet. Dass es auch anders geht berichtete die junge Teilnehmerin Saskia:

Ich bin mit 17 von zu Hause ausgezogen, weil ich damals Probleme zu Hause hatte. Ich wollte damals so schnell wie möglich eine Wohnung finden. Ich bin zum Jugendamt gegangen und habe zum Glück einen Platz gefunden bei Indipendent Living, einem betreuten Einzelwohnen. Darüber habe ich auch meine erste eigene Wohnung bekommen. Seit dem ersten März habe ich meine erste eigene Wohnung mit eigenem Mietvertrag. Die Gesobau hat mit Indipendent Living eine Kooperation , dass sie jedes Jahr fünf Wohnungen zur Verfügung stellt. Ausgewählte benachteiligte Jugendliche dürfen ein halbes Jahr zur Probe wohnen, und wenn man die ‚Probezeit‘ besteht, gehört einem die Wohnung dann mit einem eigenen Mietvertrag. Das ist toll! Ich erwarte von der Politik, dass sie sich in so einem reichen Land wie Deutschland noch viel mehr einsetzt für Wohnraum für jeden.

Den Jugendlichen wurde aber auch erfolgreich vermittelt, wie wichtig es ist, mit der Wohnungssuche rechtzeitig anzufangen, die eigenen Bewerbungsunterlagen gut sortiert parat zu haben und vor allen Dingen auch kontinuierlich bei der eigenen Wohnungssache dran zu bleiben. Ein Thementisch ging der Frage nach, wie hoch Berlin eigentlich bauen sollte. Was ist das richtige Maß für Hochhäuser in Berlin? Meinungsvielfalt war hier der Tenor:

Ich fand es gut, das so viele Politiker von Parteien da waren und zu erfahren, wie die eben mit dem Thema Wohnungen umgehen. Zu wissen, was deren Meinung dazu ist. Man konnte auch selber Fragen stellen an den verschiedenen Thementischen. Mit Politikern hat man ansonsten als Jugendlicher nicht viel zu tun. Der eine Politiker meinte beim Thema Hochbauen, das ist das einzige Richtige, das sei aber sehr sehr teuer. Während die andere Politikerin meinte, Hochbauen ist notwendig, richtig und überhaupt nicht teuer. Was stimmt denn nun ? Darüber hinaus war „WOhnsinn“ echt cool. Man hat viele Tipps bekommen, wie man eine Wohnung finden kann. ´       Sam, Auszubildender von SOS-Kinderdorf

Die Improvisationstheatergruppe Theatersport Berlin begleitete die Jugendversammlung mit Szenen und Songs durch den gesamten Tag. Inspiriert von Vorschlägen aus dem jungen Publikum schufen die Schauspieler*innen Geschichten und Songs, die spontan entstanden. 

Die ungeklärte Frage, woher neuer bezahlbarer Wohnraum für junge Menschen entstehen soll, bleibt bestehen. SOS-Kinderdorf wird sich auch weiterhin dafür einsetzen, dass junge Menschen bezahlbare und lebenswerte Wohnungen bekommen. Denn für die Jugendlichen darf die schwierige Entwicklung der Wohnungsmietpreise und der Einkommensentwicklung nicht unüberwindbar werden. Weiterhin bleibt die Forderung von SOS-Kinderdorf an Berlins Politiker bestehen, anhand einer umsichtigen Planung Berlin als eine Stadt zu entwickeln, die auch jungen Menschen bezahlbaren Wohnraum im Innenstadtraum ermöglicht. Es reicht gegenwärtig nicht mehr aus, nach Jahren der Aufmerksamkeit für das Thema Wohnen nur gute Idee zu erarbeiten, war der Tenor vieler Jugendlicher bei „WOhnsinn“.

Lebendige Stadtquartiere haben in Berlin nur eine Chance, wenn auch junge Menschen in ihnen wohnen. Junge Menschen brauchen beim Thema bezahlbarer Wohnraum Handlungsoptionen für die Zukunft, die ihnen ein Leben in Berlin ermöglichen müssen. Es fehlt hierfür eine Lobby der jungen Wohnungssuchenden in Berlin. SOS-Kinderdorf möchte gemeinsam mit den Jugendlichen und im Dialog mit der Politik auch zukünftig Lösungen hierfür entwickeln um diese Lücke zu schließen.

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