Wie lange währt noch das Idyll?
Charakter des Lebensortes Vielfalt in der Niebuhrstraße ist in Gefahr

Genervt, nachdenklich, frustriert: Die Bewohner des Lebensorts Vielfalt Klaus Dieter Spangenberg, Klaus Peter Ruppelt und Walter Oettinger (v. li.) vestehen gerade die Welt nicht mehr.
  • Genervt, nachdenklich, frustriert: Die Bewohner des Lebensorts Vielfalt Klaus Dieter Spangenberg, Klaus Peter Ruppelt und Walter Oettinger (v. li.) vestehen gerade die Welt nicht mehr.
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Die Bewohner des schwulen Altenwohnprojektes Lebensort Vielfalt in der Niebuhrstraße machen sich über die Zukunft ihres Lebensmittelpunkts große Sorgen.

Es war Mitte März, als Klaus Dieter Spangenberg, Klaus Peter Ruppelt, Walter Oettinger und viele andere Bewohner ihre Ohren spitzten. Im Garten hinter der Randbebauung der Niebuhrstraße 60 war Lärm. Ein Bauunternehmen war zugange, Probebohrungen vorzunehmen. Der erste Schrecken wich der Neugier und eine Anfrage bei den Mitarbeitern der Firma, was denn gerade passiere, bescherte dem Trio einen Blick auf eine Skizze, die unmissverständlich von einem Bauvorhaben an Ort und Stelle kündete.

Bauantrag liegt nicht vor

Seitdem bangen nicht nur die drei um ihre Wohnqualität. Versuche, bei der Geschäftsführung der Schwulenberatung oder dem Bezirksamt ("Uns liegt kein Bauantrag vor") in Erfahrung zu bringen, was vor sich geht, blieben zunächst ergebnislos.

Vorzeigeprojekt der Schwulenberatung

Der Lebensort Vielfalt ist ein Vorzeigeprojekt der Schwulenberatung Berlin, die im Erdgeschoss der gleichen Adresse ihre Zentrale hat. 2012 als europaweit erstes Beispiel für ein schwules Altenwohnheim ins Leben gerufen, entwickelte sich das Haus prächtig, über die Merkmale eines guten Seniorenwohnheims hinaus. "Das hier ist eigentlich auch ein Mehrgenerationenhaus. Die Bewohner sind zwischen 24 und 80 Jahre alt. Alle helfen sich gegenseitig", sagt Spangenberg. Im zweiten Obergeschoss gibt es darüber hinaus eine Pflege-WG mit acht Bewohnern. Ein Stockwerk tiefer sind Beratungsräume und die Verwaltung untergebracht, es gibt ein Psychosoziales Zentrum, Menschen werden hier zu Themen wir Sucht, Outing oder allgemein zur sexuellen Orientierung beraten.

Prunkstück ist der Garten

Prunkstück des Projektes ist der Garten, weil die Mitbewohner mit viel Engagement und eigenen finanziellen Mitteln dafür gesorgt haben, dass die Bewohner des Lebensorts Vielfalt dort ein schönes Refugium bekommen, wo sie sich treffen oder gärtnern können und in das vor allem auch die an den Rollstuhl gefesselten Bewohner der Pflege-WG relativ leicht gelangen können. Die internationale Presse wurde schnell aufmerksam auf das Pilotprojekt und stand regelmäßig auf der Türschwelle, um die frohe Kunde eines Ortes für alternde Schwule in die Welt zu tragen, an dem sie sich frei von jeglicher Diskrimierung bewegen können.

Und in den Garten soll nun ein Bau zur Erweiterung des Angebots gequetscht werden? Für die Bewohner unverständlich. "Wir werden nicht informiert, nicht mitgenommen, das stört uns sehr. Wir hatten am 11. Juli ein Mieterplenum mit dem Vorstand Alexander Salomon und dem Geschäftsführer Marcel de Groot der Schwulenberatung. Aber deren Aussagen waren sehr vage", so Spangenberg.

Lange Warteliste

Auf Nachfrage der Berliner Woche sagte de Groot nun, die Bewohner seien über die Bohrungen im Garten mit einem Schreiben mit folgendem Auszug informiert worden: "Die Schwulenberatung Berlin hat nach der erfolgreichen Umsetzung des Lebensorts Vielfalt einen enormen Zulauf von Interessenten, die sich ebenfalls einen Wohnort wünschen, an dem sie ohne Angst vor Diskriminierung leben können. Derzeit stehen 400 Menschen auf der Warteliste. Dies nehmen wir seit 2013 zum Anlass, um mit mehreren Behörden und der Politik zu sprechen und um Unterstützung bei der Umsetzung neuer Projekte zu bitten. Oft stießen wir auf offene Ohren, aber bislang hatten wir keinen Erfolg. Im Rahmen all dieser Entwicklungen wollen wir prüfen lassen, ob eine Bebauung in der Niebuhrstraße möglich wäre.“ Im Moment gebe es keine konkreten Pläne, da noch viele Fragen geklärt werden müssen, und somit der Verein noch keinen Entschluss über das weitere Vorgehen treffen kann. Mit den Bewohnern sei vereinbart worden, sie auf dem Laufenden zu halten und bei möglichen weiteren Schritten mit einzubeziehen, sagte der Geschäftsführer.

Bleibt die Kneipe "Der Wilde Oskar"?

Walter Oettinger versteht nicht, warum früher die Hinterhöfe weggerissen wurden, weil sie aus verschiedenen Gründen schlecht für die Menschen gewesen seien, und nun stelle man sie wieder her. Klaus Peter Ruppelt sagt: "Alle reden vom Insektensterben. Wir haben hier ein Biotop hingebaut und das soll weg?" Klaus Dieter Spangenberg ist genervt, weil der Garten als Treffpunkt so wichtig für die Gemeinschaft ist. Alle drei fürchten um ihr persönliches Glück, das geben sie zu. Und sie haben Verständnis für all diejenigen, die auf der Warteliste des beliebten Wohnprojektes stehen. Aber sie sorgen sich eben auch um die Bewohner der Pflege-WG und sie fühlen sich übergangen, als wesentlicher Bestandteil des Projektes nicht wahrgenommen. Sie hoffen inständig, dass das Lokal "Der Wilde Oskar", dessen Gasträume in den Hinterhof hineinreichen, nicht abgerissen wird und einem Wohnblock weichen muss. Fürs Erste wünschen sie sich, dass alle Manpower und finanziellen Mittel der Schwulenberatung möglichst lange für ihr Projekt am Südkreuz gebunden sein werden. Dort entsteht gerade der nächste Lebensort Vielfalt.

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