Die Mauern sind eingerissen
Aids-Initiative "Kirche positHIV" endet nach 26 Jahren

Die evangelische Pfarrerin Dorothea Strauß engagierte sich 26 Jahre für die Aids-Initiative "Kirche positHIV". Vordringlich war für sie die Entstigmatisierung der Betroffenen – auch innerhalb der Kirche.
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  • Die evangelische Pfarrerin Dorothea Strauß engagierte sich 26 Jahre für die Aids-Initiative "Kirche positHIV". Vordringlich war für sie die Entstigmatisierung der Betroffenen – auch innerhalb der Kirche.
  • Foto: Evangelischer Kirchenkreis Charlottenburg-Wilmersdorf
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Die ökumenische Aids-Initiative "Kirche positHIV" beendet nach 26 Jahren ihre Arbeit – quasi zeitgleich mit dem Ruhestand ihrer Initiatorin, der evangelischen Pfarrerin Dorothea Strauß. Das kirchliche Engagement für Menschen mit HIV und Aids soll aber fortgeführt werden.

Im Jahr 1993 lag in der Kirche Am Lietzensee erstmals ein Aids-Gedenkbuch aus: als Erinnerung an Menschen, die an den Folgen der Immunschwächekrankheit verstorben waren. Die bundesweit einmalige ökumenische Organisation baute unter der Ägide der evangelischen Pfarrerin Dorothea Strauß und des katholischen Franziskanerpaters Norbert Plogmann mit Angeboten wie monatlichen Gottesdiensten, gemeinsamen Aktivitäten und umfangreicher Beratung die Initiative auf. „Wir haben das gemacht, weil wir im eigenen Freundeskreis Menschen an den Folgen von Aids verloren hatten“, erinnert sich die 59-jährige Geistliche.

"Wenn man sich unsere Grabstelle ansieht, wo 65 an den Folgen von Aids verstorbene Menschen begraben sind, wird einem klar, dass es keinen speziellen Lebensentwurf gibt, der diese Krankheit ausschließt.“

Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Projekt zu einem der wichtigsten kirchlichen Anlaufstellen für mit dem HI-Virus Infizierte, ihre Angehörigen und Freunde in Deutschland. Die Erfahrung, wie HIV-positive und an Aids erkrankte Menschen auch in Kirchen ausgegrenzt wurden, verstand "Kirche positHIV" als Herausforderung. Statt „Aids haben immer die anderen“ hieß es nun: „Die Kirche hat Aids.“ „Zu zeigen, dass auch getaufte Christen betroffen sein können, war unsere vordringliche Motivation, als wir das Projekt gestartet haben“, sagt Strauß. HIV und Aids sollten als Wirklichkeit auch innerhalb der Kirche sichtbar werden. Wenn Strauß auf die 26 Jahre zurückblickt, konstatiert sie: "Wenn man sich unsere Grabstelle ansieht, wo 65 an den Folgen von Aids verstorbene Menschen begraben sind, wird einem klar, dass es keinen speziellen Lebensentwurf gibt, der diese Krankheit ausschließt.“

HIV-Infizierte nicht ausgrenzen

Strauß und Plogmann begleiteten kranke und sterbende Menschen, führten Seelsorgegespräche, organisierten spirituelle Reisen, Ausflüge und andere Aktivitäten. Immer wieder rief "Kirche positHIV" Kirchen und Gemeinden dazu auf, HIV-Infizierte nicht auszugrenzen. Statt sie als Objekte einer Barmherzigkeit von oben herab zu behandeln, sollte ihnen auf Augenhöhe begegnet werden. Heute glaubt Strauß fest daran, Mauern in den Köpfen ihrer Kirche eingerissen zu haben. „Es ist kein Problem mehr, dass ein schwuler Mann zum Superintendenten berufen wird. Das ist gar kein Thema.“

Zahllose Ehrenamtliche – darunter viele, die selbst an Aids erkrankt waren – unterstützten die mehrfach ausgezeichnete Initiative. Die Schirmherrschaft für das Projekt übernahm zunächst die ehemalige Senatorin Hanna-Renate Laurien, später Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse. Im Jahr 2000 erhielt Dorothea Strauß für ihren Einsatz das Bundesverdienstkreuz am Bande. Ende 2016 zog die Initiative in die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche.

Bedarf an Seelsorge ist zurückgegangen

Mittlerweile ist die Immunschwächekrankheit gut therapierbar. Die Zahl der Menschen, die an ihren Folgen sterben, sinkt. Auch die psychosoziale Situation HIV-Infizierter hat sich verbessert: Aus einer todbringenden Infektion ist eine chronische Erkrankung geworden, die zwar der ständigen medikamentösen Therapie bedarf, aber trotz Schwierigkeiten in den Alltag integriert werden kann. „Der Bedarf an Seelsorge ist zurückgegangen“, sagt Dorothea Strauß, die seit Kurzem im Ruhestand ist. Die Anforderungen an das Folgeprojekt seien daher andere, so Strauß.

Diskussion und Abschiedsgottesdienst

Wie Seelsorge und spirituelle Angebote künftig aussehen könnten, ist Thema eines offenen Diskussionsabends: Interessierte können am Freitag, 27. März, um 18 Uhr im Gemeindehaus der Schöneberger Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, ihre Wünsche und Ideen einbringen. Am Sonntag, 1. März, findet aber zunächst der Abschiedsgottesdienst für "Kirche positHIV" statt: um 18 Uhr, in der Kirche Am Lietzensee, Herbartstraße 4-6. Es predigt Christina-Maria Bammel, Pröpstin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Dorothea Strauß ist auch mit von der Partie. Musikalisch gestalten den Gottesdienst die schwulen Männerchöre „RosaCavaliere“ und „Männer-Minne“.

Die evangelische Pfarrerin Dorothea Strauß engagierte sich 26 Jahre für die Aids-Initiative "Kirche positHIV". Vordringlich war für sie die Entstigmatisierung der Betroffenen – auch innerhalb der Kirche.
Das Aids-Gedenkbuch dient als Mahnmal - kein Lebensentwurf schützt per se vor der Infizierung mit dem HI-Virus.
Autor:

Matthias Vogel aus Charlottenburg

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