"Wir machen mit Tempo weiter"
Interview mit der neuen Rathauschefin Clara Herrmann

Clara Herrmann (36) will es als neue Bürgermeisterin mit mutigen Antworten besser machen.
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Clara Herrmann ist seit dem 6. Dezember die neue grüne Bezirksbürgermeisterin. Sie ist gebürtige Berlinerin, studierte Geographie, VWL und BWL an der Humboldt-Universität, sie ist seit 2002 bei den Grünen und hat zwei Kinder. Vor ihrem Amtsantritt war sie fünf Jahre Stadträtin für Finanzen, Umwelt, Kultur und Weiterbildung. Ob sie sich schon an die neue Rolle gewöhnt hat und was die Bürger von ihr erwarten können, darüber sprach Clara Herrmann mit Reporterin Ulrike Kiefert.

Sie sind jetzt seit gut fünf Wochen die neue Rathaus-chefin. Es ist sicher noch zu früh, das zu fragen, aber vermissen Sie ihren Stadtratsjob schon?

Clara Herrmann: Nein, dafür ist keine Zeit. Außerdem macht mir meine neue Rolle große Freude.

Wie verliefen Ihre ersten Tage als Bürgermeisterin, groß einleben mussten Sie sich ja nicht?

Clara Herrmann: Ich habe mein bisheriges Büro behalten. Es ist das Amtszimmer meines Vorvorgängers Franz Schulz. Monika Herrmann war als Bürgermeisterin in ihrem Büro geblieben, das sie vorher als Stadträtin hatte. Von ihr habe ich aber eine Glückskatze geerbt, die jetzt neben meinem Schreibtisch steht. Am Tag nach meiner Wahl ging es gleich los mit der ersten Sitzung des neuen Bezirksamtes. Und natürlich habe ich mich den Kolleginnen und Kollegen im Personalbereich und der Wirtschaftsförderung vorgestellt. Diese Ressorts habe ich ja neu übernommen.

Sie sind 36 Jahre alt, nur der Bürgermeister von Neukölln ist jünger als Sie. Haben Sie die nötigen Ellbogen für das schwierige Amt?

Clara Herrmann: Aber ja, da mache ich mir keine Sorgen. Ich bringe viel Erfahrung mit, zehn Jahre Abgeordnetenhaus und fünf Jahre im Bezirksamt. Ich kenne also beide Seiten und bin es gewohnt, mich für die Friedrichshainer und Friedrichshainerinnen, die Kreuzberger und Kreuzbergerinnen durchzusetzen. Im Landesparlament war ich übrigens damals schon die jüngste Abgeordnete. Und man braucht ja nicht nur Ellenbogen, sondern vor allem offene Ohren für diesen Job.

Was haben Sie in den ersten 100 Tagen konkret vor?

Clara Herrmann: Der Doppelhaushalt für 2022 und 2023 ist erstmal unsere größte Aufgabe. Bis Mitte März müssen wir den Haushaltsplan beim Senat abgeben. Allerdings warten wir noch auf aktuelle Zahlen. Wegen der Corona-Pandemie hat das Land Berlin weniger Mittel, das merken wir jetzt schon. Wird uns das Budget für die kommenden Haushaltsjahre gekürzt, werden wir über Einsparungen reden müssen. Zweites großes Thema ist Corona. Wir geben als Bezirk unser Bestes, damit wir gut durch die Krise kommen. Ein dauerhaftes Thema ist natürlich der Klimaschutz. Wir leben im Klimanotstand und haben nur noch wenig Zeit, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Das ist die Aufgabe aller Bezirke. Wir haben als nächstes vor, einen Klimabeirat aus vielen lokalen Akteuren zu gründen. Er soll mit dem Bezirksamt und den Bezirksverordneten effektive, klimarelevante Maßnahmen erarbeiten und umsetzen.

Größtes Projekt Ihrer Vorgängerin war der Bau eines eigenen Rathauses am Ostbahnhof bis 2025. Wie steht's damit?

Clara Herrmann: Den Bau eines modernen, bürgerfreundlichen und offenen Rathauses verfolgen wir definitiv weiter. Denn wir haben durchaus Platzsorgen in der Verwaltung. Die Gespräche für den nötigen Grundstückstausch am Ostbahnhof laufen bereits. Bis 2025 wird das allerdings nicht klappen mit dem Rathaus. Wenn es aber soweit ist, wollen wir dort auch das Friedrichshain-Kreuzberg-Museum integrieren. Wer zum Bürgeramt muss, kann dann gleich ein bisschen Bezirksgeschichte mitnehmen.

Die Friedrichshainer und Kreuzberger haben Sie vor allem gewählt, weil Sie sich für die Verkehrswende einsetzen. Heißt das, künftig alle Autos raus aus den Kiezen?

Clara Herrmann: Wir sind der am dichtesten besiedelte Bezirk in Berlin. Die Mehrheit der Haushalte bei uns hat jetzt schon kein Auto, sondern nutzt das Fahrrad, den ÖPNV oder ist zu Fuß unterwegs. Trotzdem stellen wir dem Auto immer noch zu viel öffentlichen Raum zur Verfügung. Das passt einfach nicht zusammen. Verkehrswende heißt nicht, dass wir ein Verbrennerauto einfach nur durch ein E-Auto ersetzen. Wir brauchen mehr Platz für Fußgänger und Fußgängerinnen, Radfahrer und Radfahrerinnen, Kinder und fürs Stadtgrün. Das kann zum Beispiel mit Kiezblocks gelingen, die sich viele Bezirksbewohnerinnen und -bewohner wünschen. Es gibt unzählige Initiativen, die uns antreiben, vom Viktoriapark bis zur Friedenstraße, vom Gneisenaukiez bis zum Ostkreuz und so weiter. Erste Kiezblocks haben wir ja bereits an der Bergmannstraße und am Chamissoplatz. Wir werden beim Thema Verkehrswende mit Tempo weitermachen. Das gilt für die gesamte Stadt.

Sind Sie denn mit dem Auto unterwegs?

Clara Herrmann: Wir haben ein Familienauto, ja. Aber zur Arbeit und zu dienstlichen Terminen fahre ich mit dem Rad oder, wenn es am Tag zu viele sind, mit dem E-Bike. Meine Akten habe ich in der Fahrradtasche dabei. Einen Dienstwagen habe ich nicht.

Als Bürgermeisterin werden Sie auch die großen Sorgenkinder digitale Verwaltung und besserer Bürgerservice angehen müssen.

Clara Herrmann: Bei der digitalen Verwaltung hängen wir zehn Jahre zurück. Das „Sparen bis es quietscht“ hat uns in diesem Bereich massiv zurückgeworfen. Warum bekomme ich als Bürgerin zum Beispiel keinen Terminvorschlag per E-Mail, sobald mein Pass abläuft? Das wäre doch sinnvoll und vermeidet in Stoßzeiten langes Warten in den Bürgerämtern. Oder warum muss ich den Anwohnerparkausweis jedes Mal neu beantragen? Hier wäre ein Abo die Lösung, finde ich. Vielen Kollegen und Kolleginnen im Bezirksamt würde außerdem die elektronische Akte den Arbeitsalltag deutlich erleichtern. Aber selbst das haben die Ämter nicht. Hinzu kommt, dass wir immer mehr Aufgaben erledigen müssen, ohne vom Senat die dafür nötigen finanziellen und personellen Mittel zu bekommen. Zum Beispiel für die Jugendfreizeiteinrichtungen oder das Müllproblem in den Parks. Außerdem brauchen die Bezirke mehr Freiraum bei Entscheidungen, nur so entstehen neue Ideen und Kooperationen.

Direkt nach Ihrer Wahl sprachen Sie von mutigen, radikalen und außergewöhnlichen Antworten, die die Bezirkspolitik auf aktuelle politische Fragen finden muss. Was genau haben Sie damit gemeint?

Clara Herrmann: Dass man sich auch etwas trauen muss, wenn man es anders und besser machen will. Radikale und mutige Antworten sind für mich zum Beispiel die Pop-up-Radwege, das Vorkaufsrecht der Bezirke in Milieuschutzgebieten und der Mietendeckel, um die Mietenexplosion zu stoppen. Aber auch, wie und an wen wir im öffentlichen Raum erinnern, nämlich nicht nur an weiße Männer, sondern auch an Frauen und queere Menschen. Wir haben Konzepte dafür ausgearbeitet, um beispielsweise die so genannten Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter stärker in den Fokus zu rücken. Ihre Geschichte sollten wir sichtbar machen. Oder nehmen wir die Spielplätze. Wie schützen wir sie, ohne sie abschließen zu müssen? Darauf müssen wir Antworten finden.

Wie positionieren Sie sich im Streit um den Weiterbau der A100 von Treptow nach Friedrichshain?

Clara Herrmann: Das Projekt finde ich falsch. Eine Autobahn mitten durch die Stadt zu treiben, das ist absurd, es ist eine Vision von Stadt aus dem vorigen Jahrhundert.

Was wollen Sie in den nächsten fünf Jahren auf jeden Fall erreicht haben?

Clara Herrmann: Ich will die Bürgermeisterin für alle Friedrichshainer und Friedrichshainerinnen, Kreuzberger und Kreuzbergerinnen sein und diesen Anspruch mit Leben füllen. Das heißt, dass meine Tür immer offensteht und ich die Wünsche und Ideen der Bürgerinnen und Bürger bei Entscheidungen des Bezirksamtes berücksichtige. Über Gespräche, Diskussionen und natürlich über Bürgerbeteiligungen. Mir persönlich ist wichtig, auch gerade die Menschen zu hören, die keine Zeit oder Möglichkeit haben, sich in Bürgerinitiativen zu engagieren. Und ich habe vor, mich regelmäßig mit Gewerbetreibenden zu treffen.

Autor:

Ulrike Kiefert aus Mitte

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