100 Jahre Groß-Berlin
Zusammenschluss statt Eingemeindung - Groß-Berlin und Friedrichshain-Kreuzberg

Dieses Foto stammt aus dem Jahr 1920. Es zeigt den Oranienplatz mit dem damals noch vorhandenen Luisenstädtischen Kanal.
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  • Dieses Foto stammt aus dem Jahr 1920. Es zeigt den Oranienplatz mit dem damals noch vorhandenen Luisenstädtischen Kanal.
  • Foto: Friedrichshain-Kreuzberg Museum
  • hochgeladen von Thomas Frey

Als 1920 die Einheitsgemeinde Groß-Berlin entstand, wurde sie in 20 Verwaltungsbezirke untergliedert. Einer davon bekam den Namen Friedrichshain, aus einem anderen wurde das heutige Kreuzberg.

Damit bedeutete die Megafusion vor jetzt knapp 100 Jahren auch die Geburtsstunde dieses, seit 2002 als Friedrichshain-Kreuzberg fusionierten, Bezirks. Sie zeigte hier aber einige Besonderheiten. Das Gebiet aus dem 1920 Friedrichshain beziehungsweise Kreuzberg wurde, gehörte schon zuvor weitgehend zu Berlin. Anders als etwa in Spandau, Köpenick oder Charlottenburg handelte es sich nicht um eine Eingemeindung, sondern einen Zusammenschluss aus verschiedenen Stadtteilen. Vor allem im Fall Kreuzberg waren die sehr unterschiedlich geprägt. Und, auch das noch eine Besonderheit: Die Bezeichnung Kreuzberg bekam dieser Bezirk erst mit Verspätung. Zunächst hieß er Hallesches Tor.

1921 wurde das geändert, die Anhöhe mit dem Nationaldenkmal im Viktoriapark zum Namensgeber. Anlass dafür war damals der 100. Geburtstag des Monuments. Dass sich der Kreuzberg am südwestlichen Ende von Kreuzberg befand, scheint dabei nicht gestört zu haben.

Der neue Bezirk entstand weitgehend aus den drei Stadtteilen Luisenstadt, südliche Friedrichstadt und Tempelhofer Vorstadt. Die Luisenstadt und die Friedrichstadt kamen allerdings nicht in vollem Umfang zu Kreuzberg. Teile davon gehören seither zu Mitte.

Enge Mietskasernen und Hinterhöfe

Die Luisenstadt war weitgehend deckungsgleich mit dem Postbezirk SO36 – später die Chiffre für das alternative Kreuzberg. Die Gegend zwischen Oberbaumbrücke und Lindenstraße war vor allem durch enge Mietskasernen, zig Hinterhöfe, Handel und Kleingewerbe geprägt. Aber auch Industriebetriebe oder das Exportviertel an der Ritterstraße gab es dort.

Im Gegensatz zur Luisenstadt war die Tempelhofer Vorstadt bürgerlich geprägt. Die Gründerzeitbebauung dieses Viertels zwischen Landwehrkanal und der Bezirksgrenze ist teilweise bis heute noch nachzuvollziehen, etwa am Chamissoplatz. Ein Wohnort für Beamte, höhere Angestellte, Kaufleute und mit wenig Bezug zur Luisenstadt. Ähnliches gilt auch für die südliche Friedrichstadt, die sich vom späteren Checkpoint Charlie bis zum Halleschen Tor erstreckte. Sie war außerdem Teil des alten Berliner Zentrums mit zahlreichen Verwaltungs- und Repräsentativbauten, die ab 1920 zu Kreuzberg gehörten.

Zwischen diesen heterogenen Gebieten habe sich sehr lange kein Kreuzberggefühl entwickelt, resümiert Martin Düspohl, ehemaliger Leiter des Bezirksmuseums in seinem Buch "Kleine Kreuzberggeschichte". Das sei nach seiner Ansicht erst in den 1950er Jahren unter der Ägide des legendären Bürgermeisters Willy Kressemann (amtierte von 1949-1962) entstanden. Auch die Teilung der Stadt, bei der Kreuzberg in großen Teilen zu einem West-Berliner Randbezirk wurde, hat dazu wohl beigetragen. Und schließlich die Metamorphose zum Alternativbiotop, das spätestens ab den 1970er Jahren einen besonderen Mythos hervorbrachte.

Auch der neue Bezirk Friedrichshain war ein Zusammenschluss unterschiedlicher Stadt- und Ortsteile. Den weitaus größten bildete dabei die Stralauer Vorstadt. Sie erstreckte sich von der neuen Bezirksgrenze zu Mitte, entlang der Spree bis zur Ringbahn. Nicht Teil der Stralauer Vorstadt war allerdings bis 1920 die Stralauer Halbinsel.

Die Stralauer Vorstadt war geprägt von mehreren großen Industrieunternehmen und ebenfalls beengten Mietskasernen. Einen besonderen Ruf genoss die Gegend um den Schlesischen Bahnhof, heute Ostbahnhof, als Hort von Armut, Prostitution und Kriminalität.

Boxhagener Platz kommt erster später dazu

Ebenfalls partiell Friedrichshain zugeschlagen wurde die Königstadt sowie zunächst nur ein Teil der Kolonie Friedrichsberg. Der 1840 eingeweihte Volkspark passte als Namensgeber eigentlich wenig zu diesem weitgehend engen Häusermeer. Aber nicht nur dort war an einem möglichst schön klingenden Namen gelegen. Und ebenso wie in Kreuzberg lag auch der Volkspark am äußersten Rand von Friedrichshain.

Interessant im Fall Friedrichshain ist schließlich, dass der damals entstandene Bezirk nicht mehr deckungsgleich mit den Grenzen des heutigen Ortsteils ist. Zu ihm gehörte 1920 eine Gegend noch nicht dazu, die heute als eines der typischen und bekanntesten Friedrichshainer Quartiere gilt: das Gebiet um den Boxhagener Platz, überhaupt das gesamte Areal Boxhagen. Das kam zunächst zu Lichtenberg; Friedrichshain endete im Südkiez an der Niederbarnimstraße. 1938 wurde der Bezirk bis zum Ostkreuz erweitert. Im Gegenzug musste er das Schlachthofviertel abgeben, das Prenzlauer Berg zugeschlagen wurde.

Auch in Friedrichshain wuchs ein Bezirksgefühl erst nach und nach und dann häufig in Abwehr gegen staatliche Verhältnisse oder Willkür – in der Nazizeit der Widerstand des "roten Friedrichshains", zu DDR-Zeiten ein wichtiges Zentrum der Opposition, gerade in der Spätphase des SED-Staates. Wenn auch unter anderen Vorzeichen war Friedrichshain so ein Pendant zu Kreuzberg.

Gemeinsam war beiden 1920 noch etwas anderes. Friedrichshain hatte nach dem Zusammenschluss eine Einwohnerzahl von rund 326 000 Menschen. In Kreuzberg waren es etwa 366 000. Das bedeutete Platz eins und zwei in de Bevölkerungsstatistik der neuen Bezirke. Zum Vergleich: Heute hat Friedrichshain-Kreuzberg zusammen knapp 300 000 Einwohner.

Autor:

Thomas Frey aus Friedrichshain

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