„Viele Menschen sind nicht angekommen“
30 Jahre Deutsche Einheit: Marlitt Köhnke hat die politischen Veränderungen hautnah miterlebt

Marlitt Köhnke (67) wurde im Mai 1990 nach den ersten freien Wahlen  zur Bezirksbürgermeistern von Hellersdorf gewählt, übte dieses Amt zwei Jahre aus und wurde später Stadträtin. Seit 2006 ist sie Mitglied der SPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung.
  • Marlitt Köhnke (67) wurde im Mai 1990 nach den ersten freien Wahlen zur Bezirksbürgermeistern von Hellersdorf gewählt, übte dieses Amt zwei Jahre aus und wurde später Stadträtin. Seit 2006 ist sie Mitglied der SPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung.
  • Foto: Philipp Hartmann
  • hochgeladen von Philipp Hartmann

Marlitt Köhnke (67) ist ein Urgestein der Bezirkspolitik. Seit 30 Jahren mischt sie in der Kommunalpolitik mit. Nach der Wende war sie zwei Jahre lang Bürgermeisterin von Hellersdorf, später von 2002 bis 2006 Stadträtin. Für die SPD sitzt die 67-Jährige noch heute in der Bezirksverordnetenversammlung. Berliner-Woche-Reporter Philipp Hartmann hat mit ihr über das 30. Jubiläum der Deutschen Einheit gesprochen.

Sie sind im Oktober 1989 kurz vor dem Mauerfall in die neugegründete SDP (Sozialdemokratische Partei in der DDR) eingetreten. Was wollten Sie erreichen?

Marlitt Köhnke:
Ich will nicht sagen, dass ich schlecht in der DDR gelebt habe, aber ich wollte natürlich Veränderungen, eine demokratische DDR. Für mich war zum Beispiel ein Auslöser, dass der Reiseverkehr nach Ungarn und Polen eingeschränkt wurde. Da habe ich dann gedacht: Nein, ich lasse mich hier nicht wieder einmauern. Reisefreiheit war für mich wichtig. Aber natürlich auch, dass nicht alles von oben bestimmt wird, dass man sich einbringen und mitbestimmen kann.

Haben Sie zu diesem Zeitpunkt bereits geahnt, dass die DDR kurz vor der Auflösung stand?

Marlitt Köhnke:
Nein, überhaupt nicht. Dass die Mauer fallen würde, obwohl es dann einen Monat später passiert ist, war so fern, also daran habe nicht geglaubt. Mit großer Skepsis habe ich erstmal die Feierei auf der Mauer gesehen, muss ich ehrlich sagen. Ich habe in Pankow gearbeitet, mein Übergang war Wollankstraße beziehungsweise Bornholmer Brücke, und habe gedacht: Nee, also da gehst du erstmal nicht rüber. Das Begrüßungsgeld hat aber doch gelockt. Ich bin froh, dass ich so reinwachsen konnte in diese neue Gesellschaft und ein anderes System kennengelernt habe.

Welche Hoffnungen hatten Sie nach der Wiedervereinigung für die Zukunft Ihres Heimatbezirks?

Marlitt Köhnke: Ich hatte schon die Hoffnung, dass das Leben hier im Bezirk besser wird. Die Großsiedlung Hellersdorf war nicht fertiggebaut. Die U-Bahnen fuhren nur bis Elsterwerdaer Platz. Dann musste man in den Bus einsteigen. Und wenn man aus dem Bus ausgestiegen ist, musste man Gummistiefel angezogen haben, weil man im Matsch stand. Die Schulen waren nicht fertig. Es gab, glaube ich, nur zwölf Kaufhallen im Bezirk. Die Versorgung der Bevölkerung war im Bezirk nicht zu sichern. Und es gab kein Telefon. Es hieß immer: „Es liegen gar keine Leitungen, wir können gar keine Telefone schalten.“ Aber als ich Bürgermeisterin wurde, war ich nachher die Einzige im ganzen Kiez, die auf einmal ganz schnell ein Telefon hatte. Kommunalpolitisch gab es genug zu tun, und es ist auch sehr viel passiert.

Hellersdorfer Bürgermeisterin waren Sie von 1990 bis 1992. Was haben Sie in der Zeit erreicht und welche politischen Ziele verfolgen Sie heute?


Marlitt Köhnke:
Eines kann ich sagen: Die Helle Mitte habe ich mit auf den Weg gebracht. Damals war dort gar nichts. Letztlich waren wir überhaupt erstmal froh, dass es dort einen Investor gab. Ich wollte, dass Hellersdorf ein richtig schöner Wohnort wird. Das schafft man nicht in zwei Jahren. Letztendlich aber ist es so, dass heute – und das sage ich wirklich mit Überzeugung – die Großsiedlungen, sowohl in Marzahn als auch Hellersdorf, für Familien wirklich sehr gute Wohnorte sind. Mit dem Grün, dass man hier Radfahren und wandern kann, die Gärten der Welt. Es ist wirklich ein schöner, familienfreundlicher Bezirk. Heute setze ich mich dafür ein, dass die Radverkehrsinfrastruktur weiter verbessert wird. Auch für die Kultur kämpfe ich nach wie vor.

Wie haben Sie ganz persönlich das Zusammenwachsen der geteilten Stadt in diesen 30 Jahren erlebt?

Marlitt Köhnke:
Ob man hier am Ost-Stadtrand von Zusammenwachsen sprechen kann, weiß ich nicht. Ich weiß, dass uns die Westberliner Verwaltung sehr viel geholfen hat. Womit ich ein großes Problem hatte, als ich Schulstadträtin war: dass unter Rot-Rot hier Schulen und Kitas abgerissen wurden. Heute fehlt uns diese Infrastruktur. Und wer glaubt, dass die Menschen das vergessen haben, der irrt sich.

Was hat sich am politischen Umfeld verändert? Was ist heute anders als damals?


Marlitt Köhnke:
Also, dass eine rechtspopulistische Partei wie die AfD hier genauso viele Stimmen bekommt wie Die Linke, beschäftigt mich schon sehr. Ich komme mir manchmal vor wie in einer Diaspora als jemand, der die Demokratie wollte, Demokratie gekriegt hat und jetzt in einem Umfeld lebt, wo viele die Demokratie eigentlich gar nicht wollen.

Wie lässt sich diese Entwicklung aufhalten?

Marlitt Köhnke:
Indem sich die Lebensverhältnisse wieder für alle gleich verbessern. Man kann ja über die DDR reden, was man will, aber wir waren mehr oder weniger alle gleich arm oder gleich reich. Heute hat sich das so ausdifferenziert. Es sind viele Menschen nicht in diesem System angekommen. Die sind mit ihrem Denken, ihrem Fühlen und mit der Arbeit oder Nicht-Arbeit stehengeblieben. Und das ist für meine Begriffe der Boden, aus dem die AfD schöpft.

Autor:

Philipp Hartmann aus Köpenick

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

23 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Beitragsempfehlungen

WirtschaftAnzeige
Bei DER GAIDECK gibt es vielfältige köstliche Fischgerichte.
5 Bilder

Genießen bei DER GAIDECK
Hurra, der neue Matjes ist da!

Matjes ist zwar ein Hering, aber warum schmeckt er erst jetzt im Hochsommer so richtig gut? Der Hering braucht zum Wachsen Futter, und das leckere Plankton im Meer gibt es erst ab Mitte Mai/Anfang Juni in Hülle und Fülle. Wenn das Wetter schlecht ist, sorgt dies dafür, dass der beste Erntezeitpunkt ein wenig nach hinten rückt, weil noch zu wenig Plankton für den Hering im Meer schwimmt. Ein Hering wird nämlich erst ab 18 % Fett zum guten Matjes, weil er vorher noch hart und spröde schmeckt....

  • Hermsdorf
  • 08.06.21
  • 202× gelesen
WirtschaftAnzeige

VITAL ONE
Du hast Schmerzen? Und möchtest Dir sofort helfen lassen?

Du hast Schmerzen? Und möchtest Dir sofort helfen lassen? Dann melde Dich jetzt zu unserer Schmerzbehandlung nach Liebscher & Bracht an! VITAL ONE: „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, so viele Menschen wie möglich in ein schmerzfreies Leben zu begleiten. Dafür stellen wir allen interessierten Menschen das Wissen zur Verfügung, sich bei Schmerzen selbst zu helfen und ihnen vorzubeugen – ohne Medikamente oder Operationen.“ Osteopressur wirkt gezielt auf die Alarmschmerz-Rezeptoren Bei der von...

  • Bezirk Pankow
  • 25.05.21
  • 295× gelesen
WirtschaftAnzeige
Köstlichen Fisch kaufen Kenner und Genießer bei "Der Geideck" in der Heinsestraße.

DER GEIDECK
Ahoi, Matrosen und Genießer!

Willkommen in unserer kleinen Kombüse am nördlichen Rande der Hauptstadt. Das Leben, da ist es wieder und bleibt hoffentlich! Es hat sich einiges getan bei uns und wir wollen mit Ihnen das Thema Süßwasser-Fisch ins richtige Licht rücken. „25 Teiche" aus Rottstock ist unser neuer Forellen- und Stör-Lieferant. Wann haben sie schon mal eine Bachforelle genießen dürfen!? Es gibt Gegenden, da sagt der Berliner zum Fuchs und Hasen „gute Nacht“ oder „wo is dit?“. Solch eine Stelle in mitten vom...

  • Frohnau
  • 25.05.21
  • 226× gelesen
WirtschaftAnzeige

Parfümerie Gabriel
Ab sofort auch in Frohnau!

Liebe Kunden, ab sofort finden Sie uns in neuem Glanze auch am Zeltinger Platz 1 + 3 in Frohnau. Ob Düfte, Pflegeprodukte, Make-up oder besondere Accessoires – bei unseren Beautyexperten finden Sie bestimmt das Richtige für sich oder Ihre Liebsten. Oder verschenken Sie doch einen unserer liebevoll verpackten Geschenkgutscheine. Da ist garantiert für jeden etwas Passendes dabei. Ab sofort laden wir Sie auch zu unvergesslichen Verwöhnmomenten in unsere neue Beauty Lounge ein. Unsere Kosmetikerin...

  • Frohnau
  • 25.05.21
  • 146× gelesen
WirtschaftAnzeige
Refurbished Ersatzteile garantieren den erwarteten Qualitätsstandard und die Kompatibilität mit den betreffenden Geräten.
4 Bilder

Handy Reparatur Berlin
Smartphone defekt? Kein Problem! Wir reparieren jedes Handy!

Wie schnell ist es passiert: Im einen Moment noch auf YouTube die neuesten Videos geliked oder die News auf Facebook gecheckt und im anderen ist das Smartphone kaputt. Sehr ärgerlich, zumal viele Geräte auch finanziell zu Buche schlagen. Lohnt sich eine Reparatur oder muss es immer ein Neukauf sein? Ihr Smartphone defekt? Kein Problem! Wir reparieren jedes Handy – schnell, fachgerecht und preiswert. Handy Reparatur Berlin bietet umfangreiche Dienstleistungen an: kostenlose Fehlerdiagnose,...

  • Weißensee
  • 18.05.21
  • 394× gelesen
WirtschaftAnzeige
Signia Active: Die revolutionären Geräte verbinden das Design aktueller Bluetooth-Kopfhörer mit der modernsten Technologie von Signia: für ein ganz neues Hörerlebnis.
4 Bilder

Hörakustik Kornelia Lehmann
Hören auf dem nächsten Level

Mit Signia Active präsentieren wir Ihnen eine völlig neue Hörgeräte-Kategorie. Die revolutionären Geräte verbinden das Design aktueller Bluetooth-Kopfhörer mit der modernsten Technologie von Signia: für ein ganz neues Hörerlebnis. Signia Active ist für all jene geschaffen, die keine Hörlösungen in herkömmlicher Bauform möchten. Denn das moderne, aus dem Bereich der Consumer Elektronik bekannte Design wird oft wohl gar nicht als Hörgerät erkannt. 100 % Hörgerät Trotz neuer Form bleibt Signia...

  • Treptow-Köpenick
  • 21.05.21
  • 115× gelesen
SozialesAnzeige
Helfen Sie ihrem Liebesglück ein bisschen nach mit einer kostenlosen Registrierung beim Flirtportal herzklopfen-berlin.de.

Online den richtigen Partner finden: Herzklopfen-berlin.de
Der Frühling ist da! Zeit für Partnersuche!

Nicht nur die Natur erwacht im Frühling aus ihrem Winterschlaf, auch viele Singles verspüren im Frühling ein ganz besonderes Kribbeln im Bauch und haben plötzlich wieder mehr Lust, sich auf Partnersuche zu begeben. Geht es Ihnen auch so? Dann sind Sie in bester Gesellschaft. Nutzen Sie die frische Energie, die Ihre Frühlingsgefühle Ihnen bescheren und kosten Sie sie beim Dating voll aus. Denn jetzt stehen die Chancen besonders gut, andere spannende Singles auf Partnersuche kennenlernen und...

  • Charlottenburg
  • 09.03.21
  • 605× gelesen
Gesundheit und MedizinAnzeige
5 Bilder

Praxis haut pur
Ihr Ansprechpartner für alle Fragen rund um die Gesundheit Ihrer Haut

Wir sind Praxis haut pur. Ihr Ansprechpartner für alle Fragen rund um die Gesundheit Ihrer Haut. Die Behandlung von Hauterkrankungen ebenso wie von ästhetisch störenden Hautveränderungen erfordert ein fundiertes und ständig aktualisiertes Wissen zu Diagnostik und Therapie. Wir informieren Sie umfassend und verständlich über die bei Ihnen möglichen diagnostischen und therapeutischen Optionen und treffen mit Ihnen die für Sie optimale Entscheidung. Zu unserem Leistungsspektrum zählen u.a.: • Die...

  • Bezirk Spandau
  • 28.04.21
  • 373× gelesen
BildungAnzeige
Von links nach rechts: Wilhelmstadt Gymnasium, Kita "Kinderparadies", Laborgebäude und Wilhelmstadt Grund- sowie Oberschule.
5 Bilder

Campus Wilhelmstadtschulen
Digitalunterricht: Sie wissen, wie es geht!

Der Campus Wilhelmstadtschulen hat es vorgemacht: Er ist als konstruktives Beispiel vorangegangen und hat den Präsenzunterricht mit den SchülerInnen gemeinsam zügig zum Onlineunterricht umgewandelt. Der Digitalunterricht findet jeden Tag live nach Stundenplan von 8 bis 15 Uhr statt. Auch in der Grundschule lernen die SchülerInnen bereits ab der dritten Klasse vier Stunden am Tag im Onlineunterricht. Mit diesen besonderen Erfahrungen und dem Ehrgeiz, nun immer einen Plan B in petto zu haben,...

  • Bezirk Spandau
  • 04.05.21
  • 449× gelesen
WirtschaftAnzeige
Seit 170 Jahren gehört Wilhelm Fliegener Bestattungen zu Spandau.

Wilhelm Fliegener Bestattungen
170 Jahre Bestattungskompetenz

Eines der ältesten Bestattungsunternehmen Spandaus gratuliert dem Spandauer Volksblatt in enger Verbundenheit. Das Spandauer Volksblatt ist seit 75 Jahren ein wichtiger Teil Spandaus. Die Geschichte des Verlages ist eng mit Spandau und mit seinen Einwohnern verbunden, genauso wie die Firma Wilhelm Fliegener, die inzwischen auf eine über 170-jährige Historie in Spandau blicken kann. Familienunternehmen in fünfter Generation Es war der 1. April 1851, als Gottlieb Fliegener seine erste...

  • Bezirk Spandau
  • 04.05.21
  • 172× gelesen

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen