Stahl und Stangen statt Spiel und Spaß
Bezirk baut mit Spielplatz-Sondergeldern Fitnessparcours im Park am Nordbahnhof

Hinter dieser Reling im naturbelassenen Nordbahnhofpark will der Bezirk eine Bewegungsinsel mit Fitnessgeräten bauen. Das Geld dazu nimmt das Amt aus dem Senatsprogramm für Spielplatzsanierungen. Die Anwohner protestieren.
  • Hinter dieser Reling im naturbelassenen Nordbahnhofpark will der Bezirk eine Bewegungsinsel mit Fitnessgeräten bauen. Das Geld dazu nimmt das Amt aus dem Senatsprogramm für Spielplatzsanierungen. Die Anwohner protestieren.
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Das Bezirksamt will ohne jegliche Anwohnerbeteiligung für 360 000 Euro im Nordbahnhofpark einen Fitnessparcours neu bauen. Die Gelder dafür kommen aus dem Senatssonderprogramm für die Sanierung von Spielplätzen.

Spielplätze fehlen überall im Kiez. Im Bezirk liegt die gesetzlich vorgeschriebene Spielplatzfläche von einem Quadratmeter pro Einwohner bei nur 0,59 Quadratmeter. Und der Bezirk wächst, demzufolge steigt der Bedarf an qualifizierten Spielplätzen. Doch wie jetzt bekannt wird, finanziert das Bezirksamt aus zusätzlichen Geldern aus dem Kita- und Spielplatzsanierungsprogramm (KSSP) der Senatsjugendverwaltung in Höhe von einer Million Euro auch einen Fitnessplatz mit Outdoor-Sportgeräten.

Anfang 2019 hat der Bezirk Gelder für die Sanierung von zehn Spielplätzen aus den vom Abgeordnetenhaus im Nachtragshaushaltsgesetz 2018/2019 beschlossenen zusätzlichen KSSP-Geldern angemeldet. Das mit 360 000 Euro mit Abstand teuerste Projekt taucht in der Liste unter „Spiel-insel am Nordbahnhof“ auf. In der Kurzbeschreibung steht lediglich „Neugestaltung in Bereichen“. Den Anwohnern und Bezirksverordneten wurde das Vorhaben beim Parkrundgang mit dem BVV-Ausschuss für Umwelt, Natur, Verkehr und Grünflächen am 8. August mit der zuständigen Stadträtin Sabine Weißler (Grüne) als Spielplatz verkauft. Zudem wurde wiederholt gesagt, dass Kleinkinder diesen nutzen könnten.

Keine Pläne, keine Beteiligung

Nach Bekanntwerden der Pläne hatte es Anfang August Anwohnerproteste gegeben, weil die Leute beteiligt werden wollen. Ihnen wurden auch keine Details oder Pläne gezeigt. Der Architekt des Parks am Nordbahnhof wollte gegenüber der Berliner Woche ebenfalls keine Angaben zum sogenannten Spielplatz machen. „Wir haben keine Bilder oder Visualisierungen“, so Harald Fugmann. Jetzt hat das Bezirksamt auf erneute Anfrage der Berliner Woche doch einen Bauplan geschickt. Die lange fertigen Pläne für das dritte Trapez waren auch der Grund, warum das Bezirksamt dieses Projekt für die Extragelder angemeldet hat, so Bezirksamtssprecher Christian Zielke. Auf die gesetzlich vorgeschriebene Kinder- und Jugendbeteiligung bei Spielplätzen ab 50 000 Euro Investition wurde aufgrund der Eile verzichtet. Das hätten das Jugendamt und das Straßen- und Grünflächenamt einvernehmlich entschieden, so Zielke. Die KSSP-Gelder müssen in diesem Jahr verbaut werden, „denn sie sind nicht auf das Jahr 2020 übertragbar“.

Der Bezirk baut mit den Geldern, die für Spielplatzsanierungen vorgesehen sind, das sogenannte dritte Trapez im Park am Nordbahnhof zu Ende. Der Nordbahnhofpark wurde vor 25 Jahren geplant und vor zehn Jahren eröffnet. Das Architektenbüro Fugmann+Janotta hatte 1995 den Gestaltungswettbewerb gewonnen. Weil das Geld seinerzeit immer nur kleckerweise kam und der Senat irgendwann fertig werden wollte, wurde der Park nie komplett zu Ende gebaut. Jetzt hat der Bezirk Fugmann mit den KSSP-Geldern beauftragt, seinen Entwurf zu vervollkommnen.

Metallene Fitnessgeräte statt Schaukel und Rutsche

„Wir wollen, dass Berlin weiterhin eine lebenswerte, attraktive Stadt für Familien mit Kindern ist. Gerade in einer dicht bebauten Großstadt brauchen Kinder  sichere Plätze, wo sie mit Gleichaltrigen spielen, toben und sich ausprobieren können“, sagt Familiensenatorin Sandra Scheeres (SPD) zu den zusätzlichen KSSP-Millionen. Doch Mitte nutzt diese für metallene Fitnessgeräte, die wohl eher nichts für Kinder sind. „Die beteiligten Ämter wählten zusammen mit dem Planungsbüro eine Platzgestaltung, die sich an der überwiegenden Nutzung dieses Parkbereiches orientiert. Überwiegend wird der Park als Laufstrecke und sportlicher Bewegungsraum genutzt“, heißt es dazu aus dem Bezirksamt. Geplant ist eine mit Betonmauern eingefasste, zirka 400 Quadratmeter große Aktionsinsel mit metallenen Zugangsstegen zum ehemaligen Postenweg – analog der Gestaltung der zwei vorhandenen Trapeze. In dem Geviert gibt es drei „Freizeitsportgeräte“ aus Stahl: Dehnstation, Doppelbarren, Hangelleiter. Dazu fünf kleine Betonelemente (Bubbles) als „Sitz- oder Hüpfelement“.

Interessant ist auch, dass den Bezirksverordneten nach der Parkbegehung und den Irritationen um den Spielplatz im BVV-Ausschuss etwas ganz anders gesagt wurde. „Frau Weißler hat im Ausschuss zugesagt, dass es eine Kinder- und Jugendbeteiligung für den Spielplatz geben wird“, so Sonja Kreitmair von der SPD-Fraktion. Und wenige Tage später der Berliner Woche bestätigt, dass diese längst gestrichen sei.

"Totale Mittelverschwendung"

"Es ist unglaublich, dass aus dem Kita- und Spielplatzsanierungsprogramm für einen Spielplatz, der eher einem Outdoor-Fitnessbereich entspricht, 360 000 Euro verplempert werden sollen. Man verschenkt aufgrund Planlosigkeit (man hat offensichtlich keine anderen Pläne vorbereitet) die Möglichkeit, hier wirklich ein bis drei Spielplätze zu sanieren“, sagt Michael Konrad von den Piraten. Dass die Grünen-Stadträtin Sabine Weißler "je nach Belieben mal von Bürgerbeteiligung spricht und mal nicht, muss man schon als bewusste Täuschung der Verordneten und Bevölkerung verstehen“, so der Bezirksverordnete.

„Was die Leute wollen, interessiert das Amt wieder einmal nicht“, sagt auch Anwohnerin Nora Erdmann. Der Fitnessplatz sei „eine totale Mittelverschwendung“, ärgert sich die Sprecherin der Kiezinitiative Grüne Schleife. „Die Familien brauchen dringend Spielplätze. Wir lehnen unnötige Metallstangen im Park ab, da das nicht im geringsten bedarfsgerecht ist und nicht dem Willen der Anwohner entspricht“. So intransparent wie das ablaufe, sei das ein Fall für die Finanzaufsicht und den Landesrechnungshof, so Erdmann. Das Gerede im Bezirksamt von gläsernem Rathaus und Bürgerbeteiligung werde immer mehr zur Farce.

Autor:

Dirk Jericho aus Mitte

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