Weinstock prägte den Biergarten
Andreas Stamm erinnert sich gern an die Zeit an der Luke

Andreas Stamm arbeitete einige Jahre lang in der HO-Gaststätte „Zum Schultheiss Spezialausschank“. Als Erinnerung hat er immer noch eine Speisekarte aus jener Zeit.
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  • Andreas Stamm arbeitete einige Jahre lang in der HO-Gaststätte „Zum Schultheiss Spezialausschank“. Als Erinnerung hat er immer noch eine Speisekarte aus jener Zeit.
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Es war ein sehr alter Weinstock, der Andreas Stamm an seine alte Wirkungsstätte führte.

„Hier hat sich vieles verändert“, sagt er, als er mit dem Reporter vom Eschengraben in die Berliner Straße 80 einbiegt. Wo einst Pferdeställe der Willner-Brauerei standen, wird zurzeit ein Neubau hochgezogen. An einem Bauzaun zupft Andreas Stamm an einem Stück Wurzel des einstigen Weinstocks. „Mensch“, sagt er und kann es nicht fassen, „der alte Weinstock ist tatsächlich weg. Dabei war der fast 200 Jahre alt. Das ist aber wirklich schade.“

Er blickt sich kurz um. Wir gehen auf einen Bauarbeiter zu und fragt: „Sag mal, weist du wo der alte Weinstock abgeblieben ist?“ „Ich bin erst seit einer Woche hier“, sagt der Mann. Aber da kommt schon sein Kollege. „Der Weinstock? Der liegt jetzt unter dem Asphalt der Baustellenzufahrt. Zumindest das, was von ihm noch übrig war. Er stand der Baustelle einfach im Weg.“ Man sieht Andreas Stamm an, dass ihn diese Antwort sehr traurig macht. Immer wieder habe er die Gastronomen auf dem Gelände gebeten: Passt mir auf den alten Weinstock auf! Aber seit einigen Monaten gibt es keinen Gastronomen an der Berliner Straße 80. Hier schachten, fundamentieren und mauern Bauleute.

Die Jenn Grundbesitz GmbH & Co. KG ist Eigentümerin der alten Immobilie. Die Gebäude der früheren Weißbierbrauerei wurden von Emil Willner 1880 errichtet und den Weinstock gab es seinerzeit schon. Bis 1991 war hier noch eine Brauerei in Betrieb. Zur Straße hin gab es eine Gaststätte. Später nutzte ein Flohmarkt Flächen und Gebäude. Anfang dieses Jahrzehnts erwarb Nicolas Berggruens Holding die Immobilie und vermietete sie vorübergehend an Künstler und Kulturschaffende, ehe er sie an die Jenn Grundbesitz weiterverkaufte.

Auf dem Gelände mit Zollhaus, Kesselhaus, Remisen und Freiflächen entstehen jetzt Büros, Ateliers und Handelsflächen. Das an der Berliner Straße gelegene alte Zollhaus soll nach der Sanierung wieder als Restaurant mit Biergarten genutzt werden.

Und das freut Andreas Stamm. Denn hier ist seine alte Wirkungsstätte. In den 70er-Jahren befand sich im Zollhaus die HO-Gaststätte „Zum Schultheiss Spezialausschank“. Andreas Stamm kellnerte hier. Später war er vor allem für den Biergarten zuständig. Der hatte etwa 100 Plätze. Aus einer Luke heraus versorgte Andreas Stamm die Gäste mit Getränken. „Wir hatten jeden Tag von 10 bis 22 Uhr auf“, erinnert sich der inzwischen 70-Jährige. „Ich habe, wenn schönes Wetter war, oft 12 bis 14 Stunden gearbeitet. Da habe ich in Spitzenzeiten bis zu 2000 Liter Bier an einem Wochenende verkauft. Wenn es so läuft, macht es auch richtig Spaß.“

In seine Zeit an der Luke des Biergartens erlebte Andreas Stamm so manches. Aber Befürchtungen um sein Wohlergehen hatte er nur einmal. Da schickten ihm ehemalige Kollegen, die in den Westen abgehauen waren, eine Ansichtskarte aus den USA direkt an seinen Arbeitsplatz. „Solche Karten wurden ja von der Stasi gelesen. Ich dachte, dass ich Ärger bekomme.“ Aber es passierte nichts.

Bis in die 80er-Jahre hinein war Andreas Stamm in der HO-Gaststätte beschäftigt. Und er hat sogar noch eine alte Speisekarte. Da wurde die Schultheiss-Schlachteplatte für drei DDR-Mark, Bulette mit Röstkartoffeln für 2,65 Mark und Schnitzel mit Gemüse und Kartoffeln für drei Mark angeboten. „Unser Renner war aber das Eisbein mit Sauerkraut und Erbspüree. Da ging es nach Gewicht“, sagt er.

Während Andreas Stamm noch dem Weinstock nachtrauert, hebt er die Plane am Baugerüst am früheren Zollhaus hoch. „Ach, da ist sie ja noch“, sagt er und strahlt. Er zeigt auf „seine“ alte Luke, die über all die Jahre offenbar immer wieder genutzt wurde. „Im Zollhaus selbst haben wir übrigens jedes Jahre Rotwein angesetzt“, fügt er noch hinzu. „Die Trauben mussten ja verarbeitet werden.“

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