Gerhard Moses Heß beendete seine Friedhofsführungen
Am aufregendsten war der Spion

Bester Kenner des Alten Sankt Matthäus-Kirchofs: Gerhard Moses Heß mit seiner treuen Begleiterin Leila.
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Das Publikum war zahlreich, als Gerhard Moses Heß im Dezember seine letzte Führung über den Alten St. Matthäus-Kirchhof unternahm. „Zehn Jahre sind genug“, sagt Heß. Jetzt wolle er etwas anderes machen.

Über 200 kulturhistorisch-literarische Rundgänge hat der Lichtenrader Germanist, Historiker und Theaterpädagoge an der Großgörschenstraße angeboten. Den Matthäus-Kirchhof habe er vor 25 Jahren kennengelernt. Damals wurde dort ein Freund des gebürtigen Ostwestfalen beigesetzt. Gerhard Heß – den Vornamen Moses legte er sich in Verehrung für den deutsch-jüdischen Philosophen Moses Hess zu – pflegte das Grab.

Viele Jahre später machte Heß, der auf einer ostfriesischen Insel aufwuchs, bevor er 1964 zum Studieren und zum Mitmischen in der Studentenbewegung nach Berlin kam, eine Zusatzausbildung als Erzähler. Die Abschlussgruppe suchte ein „Praxisfeld“. Heß schlug den Kirchhof vor. Die Gruppe gab sich den Namen „Siebenundeinstreich“ und erzählte auf dem Friedhof Märchen. Etwa zu der Zeit wurde der Verein Efeu gegründet. Er rückt die kulturhistorische Bedeutung des Alten St. Matthäus-Kirchhofs ins rechte Licht und fördert dessen Weiternutzung. Gerhard Moses Heß trat unverzüglich bei.

Bedauerlicherweise ging es laut Heß bei „Siebenundeinstreich“ nicht ohne Reibereien und Eifersüchteleien ab. Und ihn störte, den Friedhof nur als Kulisse für die Geschichten zu nutzen. Gerhard Moses Heß wollte Konkretes über die Menschen erfahren, die hier begraben sind. Also begann er mit seinen besonderen Führungen auf dem „Friedhof der Brüder Grimm“. Oft mühsam musste er recherchieren oder Nachkommen ausfindig machen, bevor er dann mit Akkordeon loszog. Aber das habe ihm viel Freude bereitet, sagt der Rentner.

Zu Gerhard Moses Heß' eindrücklichsten Führungen gehören jene zum Gründer der Berliner Meierei, Carl Bolle; zu Rudolf Virchow, dem Begründer der neuen Pathologie, und zum Künstlerehepaar Peter Sorge und Maina-Miriam Munsky.

Die aufregendste war gewiss die Führung zu Adolf-Henning Frucht. Auf einem seiner Spaziergänge über den Friedhof hatte Gerhard Moses Heß auf dem Grab von Adolf von Harnack Fruchts ovalen, beinahe zur Gänze zugewachsenen kleinen Inschriftenstein entdeckt. Frucht war Arzt, Physiologe und Professor an der Humboldt-Universität, Ururenkel des Chemikers Justus von Liebig und Enkel von Adolf von Harnack. 1967 wurde er verhaftet. Er hatte Informationen an den amerikanischen Geheimdienst weitergegeben. Der Professor bekam lebenslang und saß in Bautzen ein. 1977 wurde er nach West-Berlin entlassen. „Er wurde auf der Glienicker Brücke ausgetauscht“, sagt Gerhard Moses Heß.

Heß scheute sich auch nicht, eine Führung dem höchstumstrittenen preußischen Historiker und „widerlichen Antisemiten“ Heinrich Gotthardt von Treitschke zu widmen. Wobei er die skurrile Entdeckung machte, dass auf der Grabplatte Treitschkes von unbekannter Hand ein Davidstern eingeritzt wurde.

Gerhard Moses Heß' neues Projekt läuft seit einem Jahr. Es heißt „Salon Hermione“, findet im Lortzingclub in Lichtenrade statt und ist nach der Lichtenrader Malerin, Dichterin, Weltreisenden und Frauenrechtlerin Hermione von Preuschen benannt. Am 17. Februar um 15 Uhr lädt Heß zu seinem 14. Salon ein. Experten werden in Wort und Bild über den Architekten und Stadtplaner Bruno Taut berichten, der sich knapp hinter der Stadtgrenze, in Dahlewitz, ein wegweisendes Haus gebaut hat. Der Eintritt ist frei.

Kita- und Grundschulkindern in Schöneberg bleibt Gerhard Moses Heß weiter erhalten. Zweimal im Jahr verkleiden sich Heß und der Erzähler Jürgen Kretschmar vom Verein Erzählkunst als Brüder Grimm und ziehen mit Kindern über den Matthäus-Kirchhof. Und wenn jemand ganz lieb bittet, ausnahmsweise auch dann und wann mit Erwachsenen; www.salon.io/hermione.

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