"Wir müssen den halben Kuchen fordern"
Interview mit der Gleichstellungsbeauftragten Jutta Selge zum Equal Pay Day 2021

Julia Selge (33) hat Sozialpädagogik sowie Gender und Diversity studiert. Sie ist verheiratet und Mutter einer anderthalb Jahre alten Tochter.
  • Julia Selge (33) hat Sozialpädagogik sowie Gender und Diversity studiert. Sie ist verheiratet und Mutter einer anderthalb Jahre alten Tochter.
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Julia Selge ist die bezirkliche Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte. Berliner-Woche-Reporterin Susanne Schilp hat anlässlich des „Frauenmonats“ März und des Equal Pay Day mit ihr gesprochen.

Hat sich in den vergangenen Jahren etwas am Rollenverständnis von Mann und Frau verändert?

Jutta Selge: Ich glaube, es hat sich viel getan. Wichtig hierbei war die Elternzeitregelung. Männer haben ein starkes Bedürfnis, mehr am Familienleben teilzunehmen. Wir müssen nur aufpassen, dass es mit Corona nicht zum Rückfall in die traditionellen Rollen kommt.

Weil die Frauen die Hauptlast tragen, die die Pandemie mit sich bringt?

Jutta Selge: Ja. Das Organisatorische gilt eher als Frauensache. Das fängt bei Geburtstagsfeiern an und geht jetzt, während der Krise, beim Homeschooling und bei der Notbetreuung der Kinder weiter. Es sind sehr oft die Frauen, die alles unter einen Hut bringen müssen. Das ist auch ein Grund dafür, dass sie prinzipiell weniger am öffentlichen Leben teilhaben. Denn wenn die Frauen für den Großteil der Familienarbeit zuständig sind, bleibt nach Feierabend wenig Zeit – sei es für einen Verein, für Parteitreffen, Bezirksverordnetenversammlungen oder Engagement in Initiativen.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, um das zu verändern?

Jutta Selge: Die außerschulische Betreuung für Kinder muss ausgebaut werden. Es gibt bereits Angebote wie „Wellcome“ oder „Känguru“, die Eltern vor allem nach der Geburt eines Kindes unterstützen und entlasten. Auch Mehr-Generationen-Projekte sind sinnvoll. Es sollten aber noch mehr Ehrenamtliche in die Erziehung eingebunden werden.

Mädchen wählen immer noch oft Berufe, die relativ schlecht bezahlt sind. Was ist hier zu tun?

Jutta Selge: Jeder soll machen dürfen, was er will. Wichtig ist jedoch, dass jedes Mädchen mit allen Möglichkeiten, die es gibt, in Kontakt kommt, auch mit sogenannten männertypischen Berufen. Da leistet unsere „Arbeitsgemeinschaft Mädchenförderung“ tolle Arbeit. Auch der bezirkliche Girls’ Day ist eine wichtige Institution. Hier hatten wir eine sehr gute Kooperation mit der Hochschule für Wirtschaft und Recht. Es wurden zum Beispiel Mädchen mit Frauen zusammengebracht, die nicht den geraden Weg gegangen sind. Die etwa erst nach der Ausbildung ein Studium begonnen haben – und das mit Kind. Aus solchen Begegnungen gehen viele Mädchen gestärkt heraus.

Gerade in der Corona-Zeit wird viel darüber geredet, Erzieherinnen oder Krankenpflegerinnen besser zu bezahlen. Es tut sich aber wenig.

Jutta Selge: Es geht ja nicht nur um das Finanzielle, sondern um die soziale Aufwertung der Berufe. Die hängt aber wiederum auch damit zusammen, wer in diesen Berufen arbeitet. Dazu gibt es eine interessante Studie. Sie zeigt: Wenn Männerberufe „verweiblichen“, werden sie entwertet – so geschehen am Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Berufsfeld des Druckers. Andersherum: Zu Anfangszeiten der Computerprogrammierung war der Anteil der Frauen groß, doch erst als die Männer übernahmen, wurde die Tätigkeit in der Gesellschaft hoch angesehen.

Wie soll denn die Aufwertung von „Frauenberufen“ funktionieren, wenn sie automatisch abgewertet werden?

Jutta Selge: Wichtig ist es, die Jungen mit ins Boot zu holen. Sie brauchen männliche Vorbilder, Sozialarbeiter, Erzieher. Denn nur wenn Jungen und junge Männer mehr positive Vorbilder erleben und soziale Berufe gesellschaftlich wie auch finanziell aufgewertet werden, können die Kategorien Männer-/Frauenberufe überwunden werden.

Oft heißt es, Männer können sich nicht nur besser verkaufen, sondern sind auch untereinander besser vernetzt. Glauben Sie das?

Jutta Selge: Ja, wenn eine Frau ein interessantes, aber für sie nicht passendes Stellenangebot sieht, denkt sie nicht sofort an eine Freundin oder Bekannte, die dafür in Frage käme. Das liegt daran, dass uns Frauen immer suggeriert wird, es stehe uns nur ein ganz kleines Stück des Kuchens zu. Aber wir müssen den halben Kuchen fordern – und den unter uns aufteilen.

Werfen wir noch einen Blick auf Tempelhof-Schöneberg. Was wird hier konkret für die Gleichstellung getan?

Jutta Selge: Viel. Gerade hat ein Frauenbeirat seine Arbeit aufgenommen, mit zehn ehrenamtlichen Frauen mit ganz unterschiedlichen Backgrounds. Sie sollen helfen, die Politik bei gleichstellungspolitischen Vorhaben weiterzubringen. In Tempelhof wurde der Frauenmärz mit seinen vielen Veranstaltungen „erfunden“ und wir sind stolz darauf, dass wir als erster Bezirk den Weltmädchentag veranstaltet haben. Und schließlich haben wir mit Angelika Schöttler eine Bürgermeisterin, für die Gleichstellung ein sehr wichtiges Thema ist.

Autor:

Susanne Schilp aus Neukölln

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