Ein Kampf für Johann Trollmann
An der Fidicinstraße erinnert eine Gedenktafel an den Boxer, der von den Nazis ermordet wurde

Die Gedenktafel an der Fidicinstraße 2. Auf dem Gelände befindet sich heute das Seniorenwohnheim "Am Kreuzberg".
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  • Die Gedenktafel an der Fidicinstraße 2. Auf dem Gelände befindet sich heute das Seniorenwohnheim "Am Kreuzberg".
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Die Tafel steht seit kurzem dort. Angebracht ohne Vorankündigung oder offizieller Einweihung, wie das "Netzwerk Zwangsarbeit am Tempelhofer Berg" beklagte.

Es hatte sich, wie weitere Initiativen für dieses Gedenkzeichen an der Fidicinstrße 2 eingesetzt. Erinnert wird dort an Johann Wilhelm "Rukeli" Trollmann (1907-1944), sinto-deutscher Boxer, der am 9. Februar vor 76 Jahren im Außenlager Wittenberge des Konzentrationslagers Neuengamme ermordet wurde. Am Todestag kamen seine Tochter Rita und weitere Mitstreiter zu der neuen Tafel. Auch dieser Termin sei durch das Bezirksamt und die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) unberücksichtigt geblieben, wurde ebenfalls kritisiert.

Johann Trollmann stammte aus der Nähe von Gifhorn, lebte später in Hannover. Mit Berlin verband ihn vor allem dieser Ort. Der aber auf einschneidende Weise.

Auch die Fidicinstraße 2 gehörte einst zur Bockbrauerei, deren Name sich bis heute für das Areal an der Fidicinstraße 3 erhalten hat. Dort wird, wie mehrfach berichtet, jetzt, ein umfangreiches Neubauprojekt realisiert. Es war nicht zuletzt deshalb umstritten, weil sich auf dem Gelände noch Kellergewölbe befinden, die ab 1944 ein Ort für Zwangsarbeiter waren. Ein Teil der Keller soll nach Fertigstellung öffentlich zugänglich sein.

Nebenan, in der Fidicinstraße 2, befanden sich die Festsäle und der Sommergarten der Bockbrauerei. Sie wurden auch weiter betrieben, als die Bierproduktion 1922 endete. Diese Angaben beziehen sich auf entsprechende Hinweise, die die Initiative "Denkmalschutz für die Bockbrauerei" im Zusammenhang mit dem Aufstellen der Gedenktafel verfasste.

Kein Titel wegen "undeutschem" Kampfstil

Johann Trollmanns Auftreten an diesem Ort ist wiederum nicht nur durch diesen, sondern auch durch weitere Texte dokumentiert. Am 9. Juni 1933, also wenige Monate nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, kämpfte er im Sommergarten um die deutschen Meisterschaften im Halbschwergewicht. Laut eines Wikipedia-Eintrags handelte es sich dabei um eine Neuauflage, denn bereits im Februar hatte sich Erich Seelig diesen Titel erkämpft. Ihm wurde dieser aber wieder abgenommen, weil er Jude war.

Trollmanns Gegner Adolf Witt hatte keine Chance. Das sah das Publikum so und auch der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Faustkämpfer. Der gab deshalb Order an die Punktrichter, den Kampf mit einem Unentschieden zu beenden. Was auch passierte und zu Empörung im Auditorium führte. Diese Reaktion sorgte dafür, dass Johann Trollmann zunächst zum Sieger erklärt, diese Entscheidung aber kurz darauf wieder einkassiert wurde. Denn in den Augen der Faustkampf-Funktionäre konnte es nicht sein, dass ein nicht "reinrassiger Arier" einem vermeintlichen Ur-Germanen überlegen war.

Provoziert wurden sie außerdem von Trollmanns Kampfstil. Er ähnelte dem, den später Muhammad Ali, der wahrscheinlich größte Boxer aller Zeiten, zur Perfektion brachte. Nicht einfach auf den Gegner losschlagen, sondern ihn umtänzeln, seinen Angriffen aus dem Weg gehen und im richtigen Moment effektiv kontern, waren wichtige Bestandteile dieser Taktik. Aber das galt in der NS-Zeit als "undeutsch".

Protest gegen Ideologie vom "weißen Sieger"

Nach der Aberkennung seines Titels trat Johann Trollmann nur wenige Wochen später, am 21. Juli 1933, zu einem weiteren Kampf im Sommergarten an. Diesmal ging es um die Entscheidung im Weltergewicht gegen Gustav Eder. Eine Auseinandersetzung, die schon im Vorfeld zu einem Rassenkampf erklärt wurde. Damit der auch im Sinn der Machthaber und ihrer Box-Vollstrecker ausging, wurden Trollmann Auflagen erteilt. Er durfte nicht nach seinem Stil kämpfen, zum Beispiel keine Angriffe aus der Distanz setzen.

Die Reaktion darauf war eine ganz eigene Art von Haltung und Widerstand. Johann Trollmann trat zu dieser Farce mit weiß gepuderten Haaren und Körper an. Ausdruck für Protest, auch Verballhornung der NS-Ideologie vom "weißen, deutschen Sieger". Im Ring bewegte er sich nicht, sondern steckte breitbeinig stehend die Schläge des Gegners ein. Nach fünf Runden ging er KO. Es war sein letzter Kampf, denn wenige Monate später wurde ihm die Lizenz entzogen.

In den folgenden Jahren wurde Johann Trollmann mehrfach inhaftiert, zuletzt 1942 in das Lager Neuengamme. Von dort kehrte er nicht mehr zurück.

In Kreuzberg trägt das Boxcamp in der ehemaligen Rosegger-Schule an der Bergmannstraße seit 2011 seinen Namen. An der Fidicinstraße 2 gibt es bereits seit 2010 einen Stolperstein für Johann Trollmann. Das Anbringen einer Gedenktafel wurde von der BVV einstimmig beschlossen. Sie steht jetzt, wenn sie auch eher in einer Nacht- und Nebel-Aktion angebracht wurde.

Die Gedenktafel an der Fidicinstraße 2. Auf dem Gelände befindet sich heute das Seniorenwohnheim "Am Kreuzberg".
Johann Trollmann agierte im Ring ähnlich wie später Muhammad Ali.
Autor:

Thomas Frey aus Friedrichshain

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