Der "abgebrochene Riese" wankt
Bürger und Politiker erörtern Rückbau der Autobahnbrücke über den Breitenbachplatz

Laut, hässlich, Platz fressend, nicht mehr zeitgemäß. Kann die Autobahnbrücke über den Breitenbachplatz weg oder platzt der Verkehr dann aus allen Nähten?
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Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Es zeichnet sich der Abriss der am Breitenbachplatz fehl wirkenden Autobahnbrücke ab. Zeit, mit den Bürgern über ihre Meinungen zu reden, fand der SPD-Abgeordnete Florian Dörstelmann, und lud zur Podiumsdiskussion ein.

Randvoll war sein Bürgerbüro am Rüdesheimer Platz am Abend des 4. November. Mitunter, weil in Bürgermeister Reinhard Naumann (SPD) und Ulrich Rosenbaum, Kopf der Bürgerinitiative Breitenbachplatz, interessante Gäste mit von der Partie des „Wilmersdorfer Gesprächs“ waren. Aber die große Resonanz war auch Beleg dafür, dass die Menschen aus Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf wie gebannt der Dinge harren, die da bezüglich Umbauten von Relikten der autogerechten Stadt auf sie zukommen mögen.

Unmittelbar betroffen sind sie von der Idee, die Brücke abzureißen, die sich nach dem Tunnel unter der Wohnbebauung Schlangenbader Straße hindurch anschließt, sich in ihrer baulichen Wucht gerade noch so über den Breitenbachplatz schleppt und dann, völlig unspektakulär, den Verkehr in die Schildhornstraße in Richtung Bierpinsel leitet. Von den Dimensionen her fühlen sich aus dem Norden kommende Autofahrer wegen des Bruchs zwischen brettbreiter Autobahn und 30er-Zone etwa so wie Lewis Hamilton, der in die Box muss.

„Der abgebrochene Riese“, wie Dörstelmann den Brückenstummel nannte, ist das abrupte Ende der geplanten, aber nie realisierten Westtangente. Das Bauwerk ist nicht mehr zeitgemäß, das sehen die Bezirksverordnetenversammlungen der beiden betroffenen Bezirke und auch das Abgeordnetenhaus so. Letzteres forderte den Senat Anfang Juni auf, eine Machbarkeitsstudie in Auftrag zu geben, unter welchen verkehrlichen, ökologischen, städtebaulichen und finanziellen Bedingungen ein Rückbau der Brücke und eine Neugestaltung des Platzes möglich wären. Die Zustimmung zur „Ob-Frage“ nach einem Rückbau halte er für vorstellbar, sagte Naumann. Zumal bei deren Verneinung ordentlich „Knete“ in die Hand genommen werden müsste, um die 1980 eingeweihte Brücke zu sanieren. Aber es gelte eben, Chancen und Risiken gründlich abzuwägen, zur „Wie-Frage“ käme man erst dann.

Durch den Rückbau würde etwa ein halber Hektar Stadtraum frei werden, vorwiegend in Charlottenburg-Wilmersdorf. Gut denkbar wären dort Studentenwohnungen, so ein lauter Gedanke des Rathauschefs. Was ihn, die Bürgerinitiative und die Bürger hauptsächlich umtreibt, sind die zu erwartenden Verkehrsströme. Nicht nur nach dem Wegfall der Brücke, sondern auch nach dem Umbau des Autobahndreiecks Funkturm, der Rudolf-Wissell-Brücke, der Fertigstellung des Flughafens BER und auch nach der Realisierung der Arbeitswelt „Go West“ auf dem ehemaligen Reemtsma-Gelände in Schmargendorf.

In Dörstelmanns Runde gab es deshalb große Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines Abrisses. Ein Bürger befürchtete bei derzeit täglich 15.000 Fahrzeugen pro Fahrtrichtung einen „Rückstau an der Schildhornstraße bis zum Hohenzollerndamm“. Einer fragte, was man denn von diesem Platz überhaupt erwarte. Er jedenfalls werde ihn sicher nicht genießen können, wenn rund herum der Verkehr tose. Eine Bürgerin pochte in Zeiten des Klimawandels auf den Rückbau, es brauche Platz für Fahrradfahrer. Für Ulrich Rosenbaum und seine Initiative geht es um mehr Lebensqualität auf und rund um den Platz. Potenzial habe der Breitenbachplatz ein ähnliches wie der Rüdesheimer Platz, auch wenn bereits einige Chancen vertan seien. „Viele der ehemaligen Ladengeschäfte dort sind nun in Besitz von Arztpraxen oder Apotheken.“ Trotzdem, ein baulicher Abschluss im Norden, ein Zebrastreifen im Süden, die Erneuerung des Spielplatzes und eine Neugestaltung des Platzes an sich würden schon viel bewirken. „Und Aufgeben ist nicht, das wäre ja die Kapitulation vor der Trostlosigkeit.“ Ein Bürger äußerte seine Schwierigkeiten, sich ohne belastbare Zahlen eine Meinung zu bilden. Naumann sagte, mit dem Ergebnis der Machbarkeitsstudie sei im Mai kommenden Jahres zu rechnen. Er schlug ein Treffen mit den Experten nach der Sommerpause 2020 vor. „Wie sich die Verkehrsströme quantitativ und qualitativ verändern werden, wird den Ausschlag dafür geben, wie revolutionär Lösungen sein können.“

Autor:

Matthias Vogel aus Charlottenburg

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