Berlin zählt seine Obdachlosen
3725 Freiwillige halfen bei der "Nacht der Solidarität"

Obdachlosigkeit ist ein Thema, das Bürgermeister Reinhard Naumann (SPD) bewegt. Deshalb half er bei der Zählung  mit. | Foto: Matthias Vogel
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  • Obdachlosigkeit ist ein Thema, das Bürgermeister Reinhard Naumann (SPD) bewegt. Deshalb half er bei der Zählung mit.
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Wie viele gibt es? 6000? 18 000? Niemand weiß es. Deshalb hat Berlin in der „Nacht der Solidarität“ zum ersten Mal Menschen ohne Obdach gezählt. Ein Mosaikstein auf dem Weg, Hilfsangebote und Gegenmaßnahmen zu schneidern.

Kameras surrten, Blitzlichtgewitter – das Medienecho auf die erste Obdachlosenzählung am 29. Januar war so groß wie das ehrenamtliche Engagement der Hauptstädter. Die Vertreter der Wohlfahrtsverbände, der Verwaltungen und der Politik wurden von mehr als 3700 freiwilligen Helfern aus der Bevölkerung unterstützt. Über 600 Zählteams rückten nach einer Kurzschulung aus, 61 Zählbüros in allen zwölf Bezirken waren bis tief in die Nacht geöffnet.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke) und Reinhard Naumann, Bürgermeister des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf, sprachen bei der Pressekonferenz im noch im Bau befindlichen „Zentrum am Zoo“ der Bahnhofsmission über die Bedeutung der Zählung, die nur ein Auftakt sein könne. „Unser Bezirk bringt aktuell 2650 Menschen unter, die obdachlos sind oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Mit der Stadt wächst leider auch die Obdachlosigkeit und damit auch die Herausforderung für die Fachleute und die Verwaltung“, sagte Naumann. Er sei sehr auf das Ergebnis der Zählung gespannt, natürlich bezüglich der Quantität, vor allem aber hinsichtlich der Qualität. „Eine wachsende Obdachlosigkeit von Frauen, teilweise mit Kindern, ist wahrnehmbar. Exakte Zahlen gibt es aber eben noch nicht.“ Wie Müller, Breitenbach, Oliver Bürgel, Landesgeschäftsführer der AWO, und Vertreter der Wohlfahrtsverbände und Armutsforscherin Susanne Gerull, betonte auch Naumann: „Diese Zählung darf keine Eintagsfliege sein.“

Mit der Zählung und Befragung der Betroffenen, die nachts auf öffentlichem Straßenland schlafen, folgte das Land einer langjährigen Forderung der Sozialverbände. Die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales hat die Aktion unter der Ägide Breitenbachs organisiert.

Susanne Gerull koordiniert die Arbeitsgruppe Wohnungsnotfallstatistik des Senats. Sie erklärte, worauf es langfristig ankomme, wenn man die Hilfs- und Beratungsangebote erweitern und verbessern wolle. Demnach seien nicht nur die Ergebnisse von regelmäßigen Zählungen vonnöten, sondern auch eine Unterbringungsstatistik, wie sie die Bundesregierung zum Gesetz gemacht habe und an der sich Berlin selbstverständlich beteilige. Und es müsse herausgefunden werden, wer tatsächlich auf der Straße lebt, wer ohne Mietvertrag bei Freunden, Bekannten oder Verwandten schlafe, wer in Kellern oder Abbruchhäusern wohne. Das ließe sich mit einer Zählung wie heute nicht erfassen, sagte sie. Das gleiche gelte für die Betroffenen, die aus verschiedensten Gründen keine Hilfe annehmen wollen oder die durch Räumung von Wohnungslosigkeit bedroht sind.

Als positives Beispiel nannte Gerull Finnland, wo seit den 80er-Jahren valide Zahlen zur Obdachlosigkeit ermittelt, Ziele gesteckt und dann auch überprüft würden. „So etwas wünsche ich mir für Berlin auch.“ 

Wie wichtig dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf das Thema Obdachlosigkeit ist, lässt sich am Engagement seines Kollegiums absehen: In Naumann und den Stadträten Detlef Wagner, Arne Herz (beide CDU) und Heike Schmitt-Schmelz (SPD) schwärmten vier von fünf Mitgliedern mit aus, um bei der Erhebung zu helfen. Ergebnisse der Zählung kündigte der Senat für den 7. Februar an.

Obdachlosigkeit ist ein Thema, das Bürgermeister Reinhard Naumann (SPD) bewegt. Deshalb half er bei der Zählung  mit. | Foto: Matthias Vogel
Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke), Bürgermeister Reinhard Naumann (SPD), Oliver Bürgel von der AWO und Armutsforscherin Susanne Gerull (v. li.) standen im "Zentrum am Zoo" Rede und Antwort. Ihr Versprechen: Wer nicht gezählt oder befragt werden wollte, wurde das auch nicht.  | Foto: Matthias Vogel
Autor:

Matthias Vogel aus Charlottenburg

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