Geschichtswissen auf zwei Beinen
Isabella Mamatis fördert mit ihrer Langen Tafel den Austausch zwischen den Generationen

Isabella Mamatis bei der Eröffnung des zweiten Aktes einer ihrer Langen Tafeln.
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  • Isabella Mamatis bei der Eröffnung des zweiten Aktes einer ihrer Langen Tafeln.
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Isabella Mamatis liebt es, wenn Menschen zusammenkommen und Geschichten erzählen. Genau das und noch einiges mehr passiert in ihrem Projekt „Lange Tafel – Das andere Volkstheater“, das die Schauspielerin, Theaterregisseurin und Produzentin 2006 ins Leben gerufen hat und für das sie vor wenigen Wochen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

Dabei ist schon ihre eigene Geschichte außergewöhnlich und erzählenswert. Mit griechischen Wurzeln in Hessen aufgewachsen, lebte Isabella Mamatis anschließend für einige Jahre bei ihrer in die DDR übergesiedelten Mutter, bevor sie schließlich in Westberlin studierte und eine neue Heimat fand. Die Erfahrung des Erwachsenwerdens in den beiden so unterschiedlichen deutschen Staaten war nur einer von vielen Einflüssen, die sie später zum Konzept der Langen Tafel führte. Ein anderer war die christliche Tradition der Zusammenkunft zum Abendmahl, die der Katholikin in Erinnerung blieb. „Und dann war da unsere heimische Küche – ein Ort, wo Nachbarn zusammensaßen und sich Geschichten erzählten“, erinnert sich Isabella Mamatis. In der DDR schätzte sie hingegen die Praxis, wenn Zeitzeugen des Hitlerfaschismus in die Schulen kamen und „wir Kinder einfach Fragen stellen konnten“.

Geschichten an der Wäscheleine aufgereiht – auch das ist die Lange Tafel.
  • Geschichten an der Wäscheleine aufgereiht – auch das ist die Lange Tafel.
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Wirklich konkret wurde die Idee auf ihrer Spurensuche nach den Wurzeln ihres Vaters in Griechenland. „Dort in den Dörfern kommen Menschen an langen Tafeln auf der Agora zusammen und erzählen sich beim Essen Geschichten darüber, wie es früher war. Da wusste ich: Sowas will ich in meiner Heimat auch machen, aber in Verbindung mit Theater und Kunst.“

Kinder auf der Jagd

Gesagt, getan: Ihre Heimat, das war 2006 der Kreuzberger Bergmannkiez, wo sie ihre erste Lange Tafel startete – bis heute eine Inszenierung in drei Akten. Im ersten Akt gehen Kinder und Jugendliche im Kiez auf Geschichtenjagd zu einem bestimmten Thema, indem sie Passanten befragen. Das Thema könne beispielsweise Krieg, Mauerbau oder Migration sein, so Mamatis. Diese Geschichten werden in einer Chronik zusammengefasst, dessen einzelne Blätter im zweiten Akt an einer langen Tafel im öffentlichen Raum an Wäscheleinen aufgehängt werden, zum Lesen für alle. Dort kommen Kinder, Jugendliche und Künstler als Gastgeber mit Kiezbewohnern und Passanten zu einem gemeinsamen Spaghetti-Essen zusammen. In dieser für einen Kiez bestimmten Inszenierung eines Gemeinschaftserzählraums entwickeln sich zwischen den Beteiligten lebendige und improvisierte Dialoge, gelebtes Wissen wird im Stil einer „Oral History“ an die junge Generation weitergegeben. Im dritten Akt wird das Geschehene ausgewertet, die Dokumente in Form von Geschichten, Fotos und Videos gesichtet und archiviert sowie Urkunden an die Jugendlichen für ihre gelernten Kompetenzen vergeben. Kompetenzen, die eben nur durch den aktiven Austausch gelebten Wissens zwischen den Generationen und Kulturen erworben werden können. „Meine Kinder erfahren heute Geschichte in der Schule hauptsächlich aus Büchern – dabei läuft doch täglich die Geschichte auf zwei Beinen an uns allen vorbei. Wir müssen den Menschen nur Fragen stellen und so mit ihnen in Dialog treten“, erklärt Mamatis.

Reise in andere Länder

Längst hat die Lange Tafel die Reise auch in andere Länder angetreten – mit durchaus unterschiedlichem Feedback der Kulturen je nach Zustand der demokratischen Strukturen und Gebräuche. Isabella Mamatis: „In Indien und den USA gab es keine Unterschiede zu den Veranstaltungen in Europa. In Burkina Faso allerdings konnten die Menschen mit einer langen Tafel nichts anfangen, dort kommt man eher im Haufen zusammen unter einem Sonnenschutz. Und im Iran spiegelte diese Art der Zusammenkunft und Diskussionen nicht das kulturelle Selbstbild wider – dort kam der zweite Akt, die Lange Tafel, leider nicht zustande.“

Das wird bei der nächsten Langen Tafel sicher nicht zu befürchten sein: Am 29. September um 17 Uhr in der Kreuzberger Markthalle neun in der Eisenbahnstraße 42 lautet das Thema „Nachhaltigkeit im Umgang mit Müll“. Teller und Besteck bitte mitbringen – für ein leckeres Spaghetti-Essen im zweiten Akt.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.lange-tafel.com.

Autor:

Michael Vogt aus Prenzlauer Berg

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