Blickfang ohne Schöpfer: Architekt des Rathauses an der Möllendorffstraße gilt als unbekannt

Ein seltener Anblick: Zur langen Politiknacht wird die Fassade des Rathauses Lichtenberg angestrahlt.
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  • Ein seltener Anblick: Zur langen Politiknacht wird die Fassade des Rathauses Lichtenberg angestrahlt.
  • hochgeladen von Berit Müller

Mit seinem Türmchen, den Bogenfenstern, der verzierten Fassade ist das Rathaus Lichtenberg an der Möllendorffstraße auch heute noch ein Blickfang. Feierlich eingeweiht wurde der neugotische Backsteinbau am 11. November 1898. Wer das Schmuckstück entworfen hat, ist aber gar nicht bekannt.

Wenn es um die Einwohnerzahl geht, erlebte Lichtenberg schon einmal einen Boom: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verzehnfachte sich die Bevölkerung im Berliner Vorort innerhalb von nur zehn Jahren. Das war die Zeit, in der die Gemeindeobersten entschieden, dass sie einen repräsentativen Verwaltungsbau brauchen.

1892 legte eine eigens gebildete Kommission den Standort in der Dorfstraße fest. Die heutige Ecke Möllendorff- und Rathausstraße war damals beste Ortslage, in Sichtweite lag der alte Lichtenberger Dorfkern rund um den heutigen Loeperplatz; ebenfalls nicht weit entfernt befand sich das neue städtische Zentrum am damaligen Wagnerplatz, der inzwischen Roedeliusplatz heißt.

Die Gemeindeverwaltung entwickelte Ideen, kaufte Bauland und beauftragte Maurermeister Oscar Peucker mit ersten Plänen. Vom Oktober 1896 datiert der offizielle Entschluss, das Rathaus zu bauen – Lichtenberg bemühte sich damals um die Stadtrechte, ein repräsentatives Verwaltungsgebäude sollte diese Ambitionen untermauern.

Knipping war wohl doch nicht der Architekt

Als Peucker seine vorbereitenden Arbeiten abgeschlossen hatte, betraute die Verwaltung den Gemeindebaumeister Franz Emil Knipping damit, das Bauprojekt auszuführen. Eine Zeit lang galt Knipping daher als Schöpfer des Gebäudes, inzwischen heißt es in Fachkreisen aber, der Architekt des Rathauses sei unbekannt. Nicht zuletzt, weil Quellen zur Urheberschaft fehlen: Im Zweiten Weltkrieg wurde das Archiv, das sich im Dachgeschoss befand und heute Auskunft geben könnte, komplett vernichtet. Angaben zu Bauherren und Architekten dürften sich zwar auch in einer Kassette im Grundstein befinden, an die ist aber – logischerweise – nicht heranzukommen.

Überliefert sind indes Unterlagen zu den Baukosten: Fast 400.000 Mark flossen in den Verwaltungsbau, das entspräche heute in etwa zweieinhalb Millionen Euro. Die Gemeinde investierte schon bald erneut in erste Umbauarbeiten, die im Zuge des endlich verliehenen Stadtrechts 1908 nötig wurden. Unter anderem wurde der Ratskeller umgestaltet, der Sitzungssaal bekam neues Inventar, das Haus eine elektrische Heizung.

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es im Rathaus Büro- und Kassenräume, Dienstzimmer, Dienstwohnungen für den Gemeindevorstand, einen Gendarmerieposten sowie Räume für Feuerwehr, Standesamt und Königliches Katasteramt. Nach der Eingemeindung im Jahr 1920 blieben die Nachrichtenstelle, das Büro der Bezirksversammlung, Personalverwaltung, Marktbüro, Steuerkasse, Park- und Friedhofsverwaltung im Gebäude. Schulverwaltung, Wohnungsamt, Bezirkssteuer- und Wahlamt bezogen Außenstellen.

Auch der große Sitzungssaal in der ersten Etage hat einen grundlegenden Wandel erfahren. Ursprünglich hatte der Raum eine hohe Wandtäfelung und im Obergeschoss eine Galerie. Während der Wiederherstellungsarbeiten in den 1950er-Jahren erhielt der zuvor über zwei Etagen reichende Ratssaal eine trennende Zwischendecke.

Bis zum Frühjahr 2018 wurde das Dach saniert

Der Zweite Weltkrieg hinterließ ein stark zerstörtes Gebäude, weshalb zunächst nur eine Teilnutzung infrage kam. Peu á peu folgten in den Nachkriegsjahren und besonders gegen Ende der 1950er-Jahre umfangreiche Restaurierungen, Renovierungen, Instandsetzungen. Zuletzt investierte der Bezirk vor gut zehn Jahren in denkmalgerechte Arbeiten. Von Mitte 2017 bis Anfang dieses Jahres wurde das Dach des Rathauses umfangreich saniert, inzwischen ist der rote Backsteinbau wieder ohne Baugerüst zu bewundern.

Wie die meisten Rathäuser hatte auch das Lichtenberger Exemplar einst eine Gastwirtschaft im Keller. Bis Anfang dieses Jahrtausends diente das Gewölbe als Restaurant, heute befindet sich die kommunale rk-Galerie für zeitgenössische Kunst im Souterrain mit dem Zugang zur Möllendorffstraße.

Das gesamte Rathaus Lichtenberg steht unter Denkmalschutz. Der dreigeschossige Bau mit der schmucken Fassade, dem ungewöhnlichen Grundriss und einem so genannten Walmdach hat im Bereich des Haupteingangs vier Stockwerke mit einem Staffelgiebel. Darauf sitzt das markante Türmchen. Viele Jahre schmückte ein metallener Adler dessen Spitze, der sich jedoch eines Tages selbständig machte und herunterfiel. Seit 2013 hockt der kupferne Vogel drinnen in einer Vitrine.

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