Frauen müssen immer kämpfen
Claudia von Gélieu erforscht seit Jahren Berliner Alltags- und Sozialgeschichte aus weiblicher Perspektive

Claudia von Gélieu auf dem Lieselotte-Berger-Platz: Neben ihr das Sprühkreide-Graffito mit dem Schriftzug "Selbstbestimmt leben!", das zum Frauentag vor vielen Einrichtungen zu sehen war und ist.
  • Claudia von Gélieu auf dem Lieselotte-Berger-Platz: Neben ihr das Sprühkreide-Graffito mit dem Schriftzug "Selbstbestimmt leben!", das zum Frauentag vor vielen Einrichtungen zu sehen war und ist.
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Wer sich mit Neuköllner oder Berliner Frauengeschichte beschäftigt, kommt an Claudia von Gélieu nicht vorbei. Sie forscht, schreibt Bücher, lädt zu Kiezführungen und kennt die Szene wie kaum eine Zweite, „von konservativen Frauenorganisationen bis hin zu autonomen Feministinnen“, wie sie sagt.

Ihre „FrauenTouren“ nahmen am 8. März 1988 ihren Anfang, am Internationalen Frauentag. Schon Jahre zuvor hatte die studierte Politikwissenschaftlerin antifaschistische Fahrten beim Landesjugendring organisiert, an diesem Tag standen jedoch weibliche Aspekte im Mittelpunkt. Erfolg und Nachfrage waren enorm, sodass sie sich immer tiefer in die Thematik einarbeitete.

Vor allem geht es ihr um Alltags- und Sozialhistorie. „Es gibt viele falsche Vorstellungen über die Rolle der Frau und sie prägen die Sichtweise bis heute“, sagt sie. So sei es den meisten nicht bewusst, dass Frauen schon immer gearbeitet haben, oft aber in anderer Form als Männer. Gerne werde das Heer der Heimarbeiterinnen vergessen oder die untervermietenden Witwen, die auch kochten, putzten und organisierten.

Oder die „Emmerweiber“, deren Geschichte beispielhaft zeigt, wie aus einer schweren, schlecht bezahlten Frauenarbeit eine leichtere, gut bezahlte für Männer wurde. Als der Kurfürst im Jahr 1670 verbot, Fäkalien auf die Straße zu kippen, kamen nachts die Emmerweiber, benannt nach den Eimern, die sie trugen. Sie gingen von Haus zu Haus, sammelten ihre stinkende Fracht ein und schleppten sie zum nächsten Fluss. Alles für einen Hungerlohn.

Erst 1848 wurde eine städtische Latrinenanstalt gegründet. Nun fuhren Kutscher mit Pferdewagen die menschlichen Ausscheidungen auf die Rieselfelder – und wurden dank hoher Gebühren, die die Berliner entrichten mussten, gut entlohnt.

„Bei Männern war klar: Sie brauchen genug Geld, um eine zu Familie ernähren, egal ob sie eine hatten oder nicht. Die Arbeit als Verkäuferin oder Schreibkraft wurde dagegen nur als Überbrückung bis zur Hochzeit betrachtet“, so Claudia von Gélieu. Blieb eine Frau ledig und verdingte sich als Krankenschwester, habe es geheißen: „Sie tut doch nur das, was in ihrer Natur liegt – helfen und versorgen.“

"Absolut kein Einzelfall"

Claudia von Gélieu kann viele von diesen Geschichten erzählen, von der Zeit der Hexenverfolgung bis zur Wiedervereinigung, als einer verblüfften Ingenieurin aus der DDR die Umschulung zur Floristin nahegelegt wurde. „Absolut kein Einzelfall. Frauen müssen immer wieder um den Zugang zu bestimmten Berufen kämpfen.“ Was sie in diesem Zusammenhang ebenfalls ärgert: In dem riesigen Süd-Neuköllner Viertel, in dem die Straßen nach Berufen benannt sind, findet sich keine einzige weibliche Tätigkeit.

Vor ihrer Haustür sieht es anders aus. Claudia von Gélieu wohnt im Rudower Frauenviertel, in das es sie und ihren Mann nach einer kräftigen Mieterhöhung in Nord-Neukölln verschlagen hat. Die Gegend war ihr aber bereits vertraut. Denn von Gélieu gehört zu den Personen, die sich in den 1990er-Jahren für Frauenstraßen in dem Neubaugebiet starkgemacht haben.

Der Widerstand bei den Konservativen war damals groß. Hier nur eine Anekdote: Als ein namhafter CDU-Mann einsehen musste, dass er langsam auf verlorenem Posten stand, machte er einen „Kompromissvorschlag“. Man solle doch die wichtigen Plätze nach männlichen Rudowern benennen, die Frauenstraßen könnten dann auf diese zentralen Orte zustreben und sie so „schmücken“ – wie die Frauen auch im wahren Leben die Männer schmückten.

Auch der Name „Frauenviertel“ war manchem ein Dorn im Auge, er klinge anrüchig, nach Rotlicht. Gartenstadt sei doch unverfänglicher. „Was für ein Denken sich da offenbart hat, aber na ja, heute läuft es nur subtiler“, so von Gélieu. Ende vom Lied war, dass zwei weibliche CDU-Verordnete ihre Fraktion verließen, weil sie es nach Eigenaussage mit den Machos nicht mehr aushielten. So verschoben sich die Mehrheiten und „Frauenviertel“ war beschlossene Sache.

Übrigens: Dass der 8. März, der Internationale Frauentag, zum Berliner Feiertag geworden ist, geht auf die Initiative „Frauen in Neukölln“ zurück, in der Claudia von Gélieu ebenfalls aktiv ist. Der Feiertag passe bestens zu Berlin und Neukölln, sagt sie. „Wir sind hier international und der Frauentag ist in vielen Ländern bekannt, zum Beispiel in Russland und der Türkei.“

„Wegweisende Neuköllnerinnen“

Zu guter Letzt sei auf Claudia von Gélieus Buch „Wegweisende Neuköllnerinnen“ hingewiesen. Ganz neu ist ihr Werk „Rosa Luxemburg in Berlin“. Und auch dort spielt Neukölln eine Rolle. Denn im Schillerkiez fand die verfolgte Politikerin Anfang 1919 einen Unterschlupf. Zuvor war sie in der damals noch selbstständigen Stadt auch als Rednerin aufgetreten, zum Beispiel in der Passage und der Neuen Welt.

Autor:

Susanne Schilp aus Neukölln

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