„Die Zitrone Naumann hat noch viel Saft“
Interview mit dem scheidenden Bürgermeister Reinhard Naumann

Bürgermeister mit Herzblut: Trotzdem will sich Reinhard Naumann beruflich verändern und 2021 ins Abgeordnetenhaus.
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Die Nachricht kam wie Paukenschlag: Nach zehn Jahren als Bürgermeister der City West und mehr als 30 Jahren in der Bezirkspolitik will Reinhard Naumann (SPD) 2021 nicht mehr zur Wahl antreten.

Im Interview mit Berliner-Woche-Reporterin Ulrike Kiefert spricht er über das Warum, Lotti Huber, seine mögliche Nachfolgerin und Projekte, die noch zu erledigen sind.

Sie haben kürzlich erklärt, dass Sie nächstes Jahr nicht mehr für das Bürgermeisteramt kandidieren wollen. Bereuen Sie Ihre Entscheidung inzwischen?

Reinhard Naumann: Nein, ich bin glücklich damit. Es war ja keine spontane Entscheidung, sondern eine reiflich überlegte. Nächstes Jahr bin ich 32 Jahre in der Kommunalpolitik, davon 20 Jahre als Bezirksamtsmitglied und zehn als Bürgermeister. Nach so langer Zeit ist für mich der Moment der Veränderung gekommen. Ich war und bin mit Herzblut dabei. Aber man kennt das ja aus der Politik, der Kultur oder dem Sport. Irgendwann heißt es dann: "Ein Glück, endlich ist er weg." Diese Erfahrung will ich mir ersparen.

Wie hat man denn auf Ihre Ankündigung reagiert,
sich aus der Bezirkspolitik zurückziehen zu wollen?

Reinhard Naumann: Die Reaktionen von Bürgern, aus dem Bezirksamt, meiner SPD und anderen Parteien waren durchweg bedauernd. Viele sagten mir, schade, dass Du als Bürgermeister aufhörst, wir schätzen Dich sehr. Aber ich bin ja noch eine Weile im Amt und verabschiede mich möglicherweise noch nicht für immer.

Die City West wird also auch künftig mit Ihnen rechnen können?

Reinhard Naumann: Na sicher. Ich sehe keinen Grund, mich in den Ruhestand zu verabschieden. Ich will etwas Neues machen. Frei nach der Schauspielerin Lotti Huber: Die Zitrone Naumann hat noch viel Saft. Ich will meine langjährige politische Erfahrung im Abgeordnetenhaus einbringen und die SPD im Wahlkampf unterstützen, vor allem Franziska Giffey, die ja Michael Müller als Regierende Bürgermeisterin nachfolgen will. Wir kennen uns sehr gut und ticken ähnlich, trotzdem wir manchmal unterschiedlicher Auffassung sind.

Wissen Sie schon, in welchem Wahlkreis Sie antreten?

Reinhard Naumann: Diese Entscheidung wird in der SPD erst Mitte Januar fallen, aber ich habe meinen Hut für den Wahlkreis Charlottenburg-City in den Ring geworfen. Der Wahlkreis 4 wird künftig im Mittelpunkt meiner politischen Arbeit stehen, sofern mich meine SPD dort aufstellt. Nah bei den Menschen zu sein, ihnen zuzuhören und sich für sie einzusetzen, unterschiedliche Meinungen zu akzeptieren und vor allem keine Wischi-Waschi-Politik – daran wird sich für mich nichts ändern. So kennen mich die Charlottenburger und natürlich auch die Wilmersdorfer.

Was reizt Sie am Landesparlament?

Reinhard Naumann: Im Abgeordnetenhaus werden die Weichen für viele Themen gestellt, insbesondere für den Citybereich. Mobilität, Wohnungsbau, Bildung, Arbeitsplätze, Stadtentwicklung und Digitalisierung sind nur einige Beispiele. Dem Bezirk steht eine besonders dynamische Entwicklung bevor. Da braucht es kommunalpolitisches Wissen und fundierte Erfahrungen auch im Abgeordnetenhaus. Die fehlen dort zum Teil, wie ich finde. Landesebene und Bezirksebene müssen durchlässiger werden. Ich würde mir wünschen, dass mehr Leute aus der Kommunalpolitik in die Landesebene wechseln und umgekehrt. Denken Sie an Innensenator Andreas Geisel, er hat auch in der Bezirkspolitik begonnen.

Heißt das, Sie wollen wie er Senator werden?

Reinhard Naumann: Das ist höchst unwahrscheinlich, aber ich werde im Abgeordnetenhaus mit Sicherheit spannende Themenfelder mitgestalten können.

Sie haben sich selbst mal einen „Kümmerer“ genannt.
Welche Projekte wollen Sie als Bürgermeister noch vorantreiben?

Reinhard Naumann: Den Mieterschutz vor allem. Den haben wir mit den Milieuschutzgebieten rund um den Klausenerplatz, Alt-Lietzow, den Karl-August-Platz oder die Jungfernheide auch deutlich gestärkt. Bleibt zu hoffen, dass der Mietendeckel gerichtlich bestätigt wird. Die Mieter brauchen eine Atempause. Ein weiteres wichtiges Thema ist der Wohnungsbau, der bei uns wegen der hohen Boden- und Baupreise allerdings nur noch schwer zu realisieren ist. Im Bezirk geht es also eher um das Schließen von Baulücken. Oder denken Sie an die Verkehrswende. Hier brauchen wir unbedingt die richtige Balance. Mehr Radwege, ja, aber eben auch mehr Sicherheit für Fußgänger. Stichwort Ku’damm. Als Bezirk sind wir hier allerdings nicht allein zuständig, sonst hätten wir etwa vor der Schaubühne schon längst Blitzer aufgestellt. Auch die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung muss vorankommen. Dazu wollen wir weitere Telearbeitsplätze schaffen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ausbauen und unseren Mitarbeitern mobiles Arbeiten ermöglichen. In der Corona-Pandemie haben wir gute Erfahrungen mit dem Homeoffice gemacht, das war ja vorher eher die Ausnahme.

Als Ihre Nachfolgerin im Rathaus ist Stadträtin Heike Schmitt-Schmelz (SPD) im Gespräch. Halten Sie sie für eine geeignete Kandidatin?

Reinhard Naumann: Ich unterstütze selbstverständlich ihre Kandidatur, sie wäre eine würdige Nachfolgerin. Sie verantwortet mit Jugend, Familie, Bildung, Sport und Kultur jetzt schon ein großes, wichtiges Ressort und hat sich nach ihrer Wahl zur Stadträtin vor vier Jahren Jahren schnell und erfolgreich eingearbeitet.

Was sagen Sie den den Bürgern des Bezirks zum Abschied?

Reinhard Naumann: Wie gesagt, Abschied nehme ich als Bezirksbürgermeister erst in einem Jahr. Aber ich will jetzt schon ein großes Dankeschön an alle Bürger aussprechen, die sich während der Corona-Pandemie solidarisch verhalten und insbesondere ältere Menschen unterstützen. Andererseits registriere ich immer wieder auch das Risikoverhalten einzelner und kann nur an alle appellieren, sich an die Regeln und den Teil-Lockdown zu halten, damit die viel zu hohen Fallzahlen weiter sinken und wir gesund durch den Winter kommen. Charlottenburg-Wilmersdorf ist für mich ein so vielfältiger Bezirk mit einem wunderbaren Engagement seiner Einwohner. Mein Wunsch wäre, dass dieses tolle zivilgesellschaftliche Engagement so weitergeht. Für Geflüchtete, für interreligiöse Toleranz, gegen Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und Ausgrenzung.

Autor:

Ulrike Kiefert aus Mitte

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