Mittes arme Tote
Bezirksverordnete fordern zentrale Gedenkfeier

Urnenfläche auf dem Elisabeth-Friedhof. Arme Menschen werden vom Amt bestattet.
  • Urnenfläche auf dem Elisabeth-Friedhof. Arme Menschen werden vom Amt bestattet.
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Das Gesundheitsamt muss immer mehr Menschen ohne Angehörige bestatten. Geld für eine Trauerfeier mit Redner hat der Bezirk für die armen Toten nicht. Jetzt hat die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) beschlossen, „mindestens einmal im Jahr eine zentrale Trauerfeier für Verstorbene ohne Angehörige auszurichten“, heißt es in dem Beschluss.

Sie hatten niemanden mehr; und auch nach dem Tod gibt es keine Angehörige, Freunde oder Bekannte, die sich um eine würdevolle Bestattung kümmern. Diese armen Toten muss laut Bestattungsgesetz das zuständige Bezirksamt unter die Erde oder in die Urne bringen. Diese sogenannten ordnungsbehördlichen Bestattungen haben sich im Bezirk von 2012 bis 2018 verdoppelt.

Für 376 Menschen blieb im vergangenen Jahr nur das Amtsbegräbnis. Ohne Trauerfeier, Redner und geschmückte Halle. „Die Kosten und weiterer Personalaufwand sind für das Bezirksamt neben dem bereits gegebenen Personalaufwand im Vorfeld der Bestattungen und den Bestattungsgebühren nicht zu leisten“, sagt Sozialstadtrat Ephraim Gothe (SPD) auf eine Anfrage von FDP-Fraktionschef Felix Hemmer. 273 342 Euro musste der Bezirk 2018 ausgeben. Durchschnittlich 760 Euro für eine Urnenbestattung zuzüglich eventuell anfallender Arztkosten für eine Leichenschau und Kühlkosten. Erdbestattungen kosten den Bezirk zwischen 1800 bis 2000 Euro, so Gothe.

Zu wenig Geld, um vorzusorgen

Dass die Fallzahlen und damit die Kosten so stark ansteigen, erklärt Gothe „mit einem besonders niedrigen Sozialindex im Bezirk mit Tiergarten und Wedding“. Dort beziehe ein großer Teil der Bevölkerung Sozialleistungen und könne eine Bestattung der Angehörigen nicht bezahlen. Die meisten armen Toten lebten selbst von Stütze „und konnten somit nicht für ihre Bestattung vorsorgen“, sagt Gothe. Ein anderer Grund für Mittes hohe Fallzahlen ist, dass der Bezirk „die größte Dichte an Krankenhäusern mit zwei Standorten der Charité und viele Hospize hat, von denen Meldungen kommen“. In Mitte befindet sich zudem das Leichenschauhaus, in das alle Leichen mit unbekanntem Wohnsitz verschickt werden. Wie Gothe sagt, „wird aktuell erwogen, ob während der ,Trauerfeier‘ leise Musik laufen soll“.

FDP-Mann Felix Hemmer hat in seinem BVV-Antrag „Menschenwürdig bis in den Tod“ jetzt eine zentrale Trauerfeier für Verstorbene ohne Angehörige gefordert. „Die Trauerfeier sollte gemeinsam mit Gesundheitsamt, den bezirklichen Friedhöfen und Ehrenamtlichen organisiert werden und offen sein für Angehörige, Freunde und anteilnehmende Bürger“, heißt es. Die BVV hat den Antrag mit einer Gegenstimme der Piraten und Enthaltung der AfD beschlossen.

Solche vom Amt organisierten zentralen Trauerfeiern gibt es bereits in Reinickendorf, Tempelhof-Schöneberg und Charlottenburg-Wilmersdorf, so Hemmer. Ob da jemand hingeht, wenn sich niemand um die Toten gekümmert hat? „Ich würde da hingehen“, sagt Felix Hemmer. Er weiß auch von vielen Ehrenamtlichen, die den armen Toten einen würdevollen Abschied bereiten wollen.

Autor:

Dirk Jericho aus Mitte

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