Eltern stehen im Fokus der Schulsozialarbeit
Bildungssenatorin startet an Neuköllner Brennpunktschule Modellprojekt

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (Mitte) mit Kindern der Grundschule an der Köllnischen Heide und Sozialarbeiterin Marisol Schulze (re.) bei der Übung "Wie fühlst Du Dich heute?"
  • Bildungssenatorin Sandra Scheeres (Mitte) mit Kindern der Grundschule an der Köllnischen Heide und Sozialarbeiterin Marisol Schulze (re.) bei der Übung "Wie fühlst Du Dich heute?"
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Mütter und Väter bringen ihren Kindern demokratische Werte bei – oder eben nicht. Letzteres wurde für die Schule an der Köllnischen Heide zunehmend zum Problem. Vor gut einem halben Jahr schlug deshalb die Schulleiterin Astrid-Sabine Busse Alarm. Jetzt wird an ihrer Schule ein Modellprojekt entwickelt, das auch anderen Brennpunkt-Schulen Berlins zugute kommen soll.

Titel des neuen Modellprojektes, das kürzlich startete, ist „Eltern im Blick – Grenzen setzten – Brücken bauen“. Es legt den Fokus darauf, dass Schulsozialarbeiter ganz systematisch Eltern von Schülern persönlich aufsuchen. Einerseits, um bei Erziehungsproblemen zu helfen, andererseits aber auch, um klare Grenzen aufzuzeigen, klarzumachen, welche Wertvorstellungen die Schule akzeptiert und welche nicht.

Hintergrund ist, dass an der Grundschule zunehmend Schüler mit undemokratischen Ansichten auffielen. Auf dem Schulhof und in den Klassenräumen nahmen die Aggressionen unter Schülern zu. Parallel wurde es immer schwerer für Lehrkräfte, mit den Eltern dieser Kinder Kontakt aufzunehmen, weil sich immer mehr Familien gegenüber der Schule abschotteten. Nur sehr wenige Eltern kommen derzeit noch zum Elternabend. Schulleiterin Astrid-Sabine Busse spricht von einer Parallelgesellschaft, die sich in den letzten Jahren im Umfeld der Schule entwickelt habe – und nun auch ganz konkret den Schulalltag negativ beeinflusse.

Nähe zum Islamismus

An der Grundschule an der Köllnischen Heide sind 95,4 Prozent der 649 Schüler nicht-deutscher Herkunftssprache. Rund drei Viertel der Kinder haben türkische oder arabische Wurzeln. Viele der Kinder kommen aus bildungsfernen, oft auch armen Familien. Das ist zwar für die Pädagogik eine Herausforderung, die Schule meisterte diese Aufgabe aber seit Jahren vorbildlich und bekam hierfür auch viel Lob und zusätzliche Förderung vom Land.

Das Problem greift allerdings viel weiter: Die Schule befindet sich im östlichen Neukölln in der Hänselstraße 6 – rund zehn Minuten von der Al-Nur-Moschee entfernt. Ein Ort, der in Berlin als Hochburg der Salafisten gilt, viele Angehörige ziehen extra in ihr Umfeld. Vor gut fünf Jahren sprach dort ein Hassprediger, weshalb die Moschee unter Beobachtung des Verfassungsschutzes steht. Vor vier Jahren verwies ein Gastredner darauf, dass eine Frau sich ihrem Ehemann niemals sexuell verweigern dürfe. Deshalb – und wegen anderer Gründe – hat das Land Berlin für den Trägerverein der Moschee, die Islamische Gemeinschaft Berlin, ein Verbotsverfahren eingeleitet. Es verlief im Sande. Mit den Folgen muss nun auch die Schule an der Köllnischen Heide zurechtkommen.

Mit archaischen Wertvorstellungen, vor allem gegenüber Frauen, oder gar islamistischen Tendenzen bis hin zu kriminellen Clanstrukturen sehen sich die Lehrkräfte der Grundschule aber eindeutig überfordert. „Wir haben diesen Wandel in der Umgebung, diese Parallelgesellschaft, bemerkt und irgendwann festgestellt, dass wir das alleine nicht mehr schaffen“, sagt Schulleiterin Busse. Wie reagiert man beispielsweise darauf, dass manche Grundschüler viel Geld mit sich herumtragen, ihre Eltern aber nicht als wohlhabend gelten? Wie sollte man eingreifen, wenn Schüler andere Schüler als ungläubig beschimpfen und ausgrenzen? Auch der Bezirk und Bildungssenatorin Sandra Scheeres schätzen die spezielle Problematik der Schule an der Köllnischen Heide als schwierig ein.

Eltern besuchen, die nicht in die Schule kommen

Nun soll das neue Projekt der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie mit aufsuchender Elternarbeit, die bereits in der Kita beginnen soll, gezielt gegensteuern. Beteiligt an der Entwicklung des Modells waren und sind die Schulleitung samt Kollegium, der Verein Aspe, der die Jugendsozialarbeit vor Ort betreut, der Bezirk Neukölln und das lokale Quartiersmanagement. Für die Projektarbeit genehmigte das Land drei zusätzliche Schulsozialarbeiterstellen, im Ganzen sind jetzt fünf Sozialarbeiter auf 4,5 Stellen im Einsatz.

Bildungssenatorin Scheeres unterstrich, dass deren Arbeit passgenau auf die speziellen Probleme vor Ort ausgerichtet werde. Das Modellprojekt solle auslosten, was in der Praxis funktioniere und was nicht. Scheeres verspricht eine Evaluation nach einem Jahr. Letztendlich sollen diese Erkenntnisse dann auch anderen Brennpunkt-Schulen zugute kommen, wo vergleichbare oder ähnliche Konfliktsituationen auftauchen.

Autor:

Corina Niebuhr aus Kreuzberg

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