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"Gegen das Vergessen" will erinnern, wachrütteln und vorbeugen

Die Überlebenden sind die Gesichter und Stimmen der Erinnerungskultur. Sie haben die Macht, Menschen zu erreichen zu sensibilisieren für ausgrenzende Tendenzen heute.
Die Überlebenden sind die Gesichter und Stimmen der Erinnerungskultur. Sie haben die Macht, Menschen zu erreichen zu sensibilisieren für ausgrenzende Tendenzen heute. (Foto: Matthias Vogel)

Die Freiluftinstallation „Gegen das Vergessen“ des Künstlers Luigi Toscano auf dem Mittelstreifen der Schloßstraße hat am 29. Januar eröffnet. Konzept, Reden und große Resonanz unterstrichen die enorme Bedeutung der 70 überlebensgroßen Porträts von Verfolgten des NS-Regimes.

Dank des konzertierten und konzentrierten Zusammenwirkens aller Beteiligten ist „Gegen das Vergessen“ viel mehr geworden als eine bloße Fotoausstellung und besser als Bürgermeister Reinhard Naumann (SPD) es sinngemäß tat, hätte ihre Botschaft nicht beschrieben werden können: Erinnern an die schreckliche Vergangenheit, Widersetzen gegen Rassismus, Antisemitismus und Ausgrenzung in der Gegenwart, in Zukunft dazu beitragen, dass sich so etwas wie der nationalsozialistischen Völkermord an den Juden Europas nicht wiederholt – „eine Trias“, nannte Naumann das.

Die Vergangenheit

Zeitzeugin Margot Friedländer war zur Eröffnung ins Stadtteilzentrum Diwan im Klausenerplatz-Kiez und richtete bewegende Worte an die Gäste der Zeremonie. Die heute 96-jährige Berlinerin kam mit 88 Jahren aus ihrem Exil in den USA zurück und spricht seither unermüdlich über ihr und das Schicksal ihrer Leidensgenossen. „Was hinter den Gesichtern auf den Bildern steckt?“, fragte sie. „Ich sage es Ihnen. Wir alle tragen ein Schicksal mit uns, das wir unser ganzes Leben mit uns tragen mussten. Unsere Seelen sind gebrochen. Menschen haben diese Verbrechen begangen, weil sie ihre Opfer nicht als Menschen sahen. Aber es gibt kein christliches, kein jüdisches auch kein muslimisches Blut – nur menschliches. Ich reiche euch die Hand mit der Bitte, dass ihr die Zeitzeugen werdet, die wir nicht mehr lange sein können. Wir Überlebenden sterben aus. Nun ist es eure Aufgabe, dazu beizutragen, dass so etwas nie mehr geschehen kann. Nie möchte ich, dass je ein Mensch mit dem konfrontiert wird, was wir erleben mussten.“

Die Gegenwart

Die Organisatoren, Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Bündnis 90/Grüne) und Lidia Perico vom Bezirksamt sowie der italienisch-deutsche Fotograf Luigi Toscano (45), haben für diesen Beitrag ihr Bestes gegeben. Der Mittelstreifen der Schloßstraße mit Sichtachse auf das Schloss Charlottenburg ist prominent, die 70 Porträts großartig fotografiert.

Nach dem offiziellen Teil nahmen die Gäste die von Leben und Leid gezeichneten Gesichter der Verfolgten in Augenschein, auch das Interesse von Passanten ist geweckt. Zwei portugiesische Touristinnen nicken anerkennend: „Great exhibition, important topic.“ Der Bezirksverordnete Ansgar Gusy (Grüne) ist ebenfalls sehr angetan: „Die Ausstellung ist sehr wichtig. Charlottenburg hatte eine große jüdische Tradition, die öffentlich nicht mehr so sichtbar war. Sie wird so wiederbelebt. Zudem sind viele mit der Vielfalt in unserer Stadt überfordert. Die Ausstellung kann dazu beitragen zu zeigen, das Vielfalt auch Bereicherung ist.“ Karin Durst (70) aus Charlottenburg ist extra losgeradelt, um sich die Bilder anzusehen. „Unheimlich wichtig, an die Geschehnisse zu erinnern. Gerade in der heutigen Zeit, wegen des Rechtsrucks überall.“ Mit seinem Roller ist Marco Jokiel, 54, aus Steglitz gekommen. „Ich hatte Zeit und das interessiert mich. Manche halten das Thema vielleicht für ausgereizt. Ist es aber nicht. Auf den Bildern sind viele Deutsche zu sehen. Es betrifft uns alle. Das trübe Wetter passt zu diesen enormen Schicksalsschlägen. Und ich bin beeindruckt, dass ein so junger Künstler sich so für dieses Thema engagiert.“

Und der Künstler selbst? Ist pausenlos mit Besuchern in Gespräche verstrickt. „Ich bin sehr bewegt, dass ich gerade in New York und jetzt auch in Berlin noch einmal ausstellen kann. Und es läuft bis jetzt gut“, sagt Toscano in einer Pause. Oliver Schruoffeneger pflichtet ihm bei: „Wenn jetzt noch Schulklassen das Angebot wahrnehmen, ist alles gut.“

Die Zukunft

Mit der Idee, Toscanos Bilder nach Charlottenburg zu holen, verknüpften Schruoffeneger und Lidia Perico von der Stabsstelle Bildung für nachhaltige Entwicklung des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf eine Art Lehrauftrag. Parallel zur Ausstellung werden deshalb in Kooperation mit der Jugendkunstschule, dem Haus der Wannsee-Konferenz, der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der Stiftung Topographie des Terrors und der Villa Oppenheim Workshops für Schülergruppen angeboten. Unter anderem sollen Schüler als „ausgebildete“ Guides durch die Ausstellung führen. Zwei von ihnen sprachen bei der Eröffnung vor und ihre spürbare Motivation, sich auf diese Art einzubringen, dürfte Margot Friedländer und den Organisatoren gefallen haben – es gibt sie schon, die neuen Zeitzeugen. Für die Zukunft gab es auch noch einen dringlichen Appell von Margot Friedländer: „Seid Menschen. Auch wenn man nicht alle Menschen lieben kann, respektieren kann man jeden.“

Die Workshops sind kostenfrei, Anmeldungen werden per E-Mail an bne@charlottenburg-wilmersdorf.de entgegengenommen. Öffentliche Führungen durch die Open-Air-Ausstellung, die bis 14. April läuft, werden donnerstags und sonnabends angeboten. Treffpunkt ist jeweils um 15 Uhr an der Ecke Schloßstraße und Schustehrusstraße.

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