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Gelungener Spagat: VHS City West stellt sich den gewachsenen Anforderungen

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Genießen das Sommerfest der VHS: Bildungsstadträtin Heike Schmitt-Schmelz, Manon Lange-Prollius vom Waldorf Astoria Berlin und VHS-Leiterin Sigrid Höhle (v. li.).
Genießen das Sommerfest der VHS: Bildungsstadträtin Heike Schmitt-Schmelz, Manon Lange-Prollius vom Waldorf Astoria Berlin und VHS-Leiterin Sigrid Höhle (v. li.). (Foto: Gudrun Arndt)

Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Volkshochschule City-West hat ihr neues Programm herausgebracht und es zur Eröffnung ihres Sommerfestes von Stadträtin Heike Schmitt-Schmelz preisen lassen. Mit Recht, denn hinter dem über 200 Seiten dicken Heft steckt mehr als Engagement. „Die Anforderungen an uns sind durch Geflüchtete und Migranten enorm gestiegen“, sagt VHS-Leiterin Sigrid Höhle.

Die Zahl der Menschen, die täglich mit völlig unterschiedlichen Fragestellungen kämen, sei im Vergleich zu den vergangenen beiden Jahren wesentlich gestiegen. Dazu gebe es ja noch die „genuinen“ Kursteilnehmer. „Die Kunst ist es, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen“, beschreibt Höhle die Herausforderung ihrer VHS.

Einfacher Deutschkurs tut's nicht

Mit „das eine zu tun“ meint sie vor allem den Programmbereich zur Integration. Mit dem einfachen Deutschkurs ist es nicht mehr getan. „Wir haben es mit Menschen zu tun, die in ihrem Mutterland überhaupt nicht oder in einem anderen Schriftsystem alphabetisiert wurden“, sagt sie. Bei jeder Anmeldung müsse genau nach Bildungsstand und Lerngewohnheit differenziert und dann erst einem entsprechenden Kurs zugeordnet werden. Weil viele Geflüchtete darüber hinaus traumatisiert seien, habe es hausintern bereits eine Fortbildung für die Kursleiter gegeben. „Und was machen wir mit den Frauen? Die dürfen teilweise ohne Erlaubnis ihrer Männer nicht an unseren Kursen teilnehmen. Wir haben also extra Frauenkurse mit Kinderbeaufsichtigung eingerichtet“, sagt Höhle.

Mehr als 2000 Kurse

Mehr als 2000 Kurse bietet die VHS City West während der beiden kommenden Semester an – mehr als im Vorjahr. Kaum verwunderlich, dass sich auch die Frage der Kapazität stellt. „Wir haben einen unglaublich hohen Raumbedarf. Den haben wir über eine Kooperation mit der evangelischen Familienbildung decken können“, berichtet Höhle.

Noch etwas zu bedenken? Na klar! „Das Land Berlin hat im Zuge des ersten Flüchtlingsstroms über die Senatsverwaltung erst mal Geld aufgelegt. Davon können alle profitieren. Wer gute Chancen auf dauerhaften Aufenthalt hat, belegt vom Bundesamt für Migration geförderte Integrationskurse, um dann über die Sprachqualifikation ins Arbeitssystem navigiert zu werden“, erläutert die VHS-Leiterin. „Hier müssen wir wieder differenzieren und kontrollieren – diesmal nach aufenthalts- und förderrechtlichen Kriterien, was natürlich mit zusätzlichem personellen Aufwand verbunden ist.“

Nachfrage ändert sich

60 Prozent des aktuellen Bildungsangebots VHS City West sind Geflüchteten und der Integration gewidmet. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach lebenslangem Lernen in allen Bereichen stabil geblieben. Und auch dieser offene Programmteil unterliegt dem Wandel der Zeit. Für die Leiterin Sigrid Höhle geht es also nicht nur darum, „das andere nicht zu lassen“. Vielmehr muss es stets optimiert werden.

Es gebe dort schon einen leichten Rückgang, aber der sei so gering, dass er zu vernachlässigen sei. Und er hänge nicht etwa mit dem gesunkenen Interesse der Charlottenburger und Wilmersdorfer zusammen, sondern mit einem bundesweit zu beobachteten Trend: „Berufliche Bildung und Fremdsprachen sind rückläufig, traditionelle Angebote wie Computerkurse sind gar nicht mehr so gefragt“, sagt sie. Die Berufswelt habe sich so diversifiziert und es gebe so viele neue Berufsbereiche, dass immer nur Segmente zur Nachqualifizierung nötig seien. Und solche Kurse müsse man dann schnell und passgenau parat haben. „Man braucht spezifische oder kombinierte Angebote – Tourismus in Verbindung mit Fremdsprachen, da wird es wieder interessant.“

"Wir leben von der Vielfalt"

Nicht alles, was en vogue ist, schlägt ein wie eine Bombe. „Wir haben jetzt auch online gestützte Kurse dabei und ich glaube, hinsichtlich Zukunftsinvestitionen ist das auch wichtig. Mein erster Eindruck ist aber, dass die genuine Kundschaft da im Moment gar nicht so drauf anspringt“, sagt Höhle. Wichtig sei es in jedem Fall, das traditionelle Lernen in der Gruppe auf keinen Fall zu reduzieren. Auf dem Sommerfest, dessen Bühnenprogramm von einzelnen Kursen gestaltet wurde, habe sie es wieder beobachtet: „Wir leben von dieser Vielfalt.“

Höhle ist sich sicher, den Spagat zwischen einer zeitgemäßen Gestaltung des offenen Programms und der gesellschaftlichen Aufgabe der Integration von Geflüchteten bildungspolitisch zu entsprechen, gut hinzubekommen. „In der öffentlichen Wahrnehmung ist die VHS nicht sexy. Das weiß ich. Aber wenn die Leute in unsere Kurse kommen, sind die immer erstaunt, wie professionell das ist.“

Die Leiterin wirkt bei aller Arbeit nicht unzufrieden. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit wünscht sie sich allerdings schon. „Viele wissen nicht, was hinter unseren Türen geleistet wird – und zwar im Dreischichtbetrieb. Der Auftrag, den wir erfüllen, hat keine adäquate Anerkennung.“ maz

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