NachhaltICH: Müssen wir mehr fürs Essen zahlen?
Warum jeder es sich leisten kann, umweltfreundlich einzukaufen

Durch bewusste Kaufentscheidungen kann jeder dazu beitragen,  Menschheitsprobleme zu lösen.
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Tausende Bauern demonstrierten im November gegen eine Politik, die auf immer mehr ökologische Auflagen setzt. Als langjährige Vegetarierin ist meine Haltung klar: Die Agrarindustrie muss sich drastisch verändern, freiwillig oder nicht, denn so wie sie ist, leiden Tiere und die Erde unter der Nahrungsmittelerzeugung. Meinungsfronten aufzumachen hilft aber wohl kaum dabei, Lösungen für das eigentliche Problem zu finden: Wir haben uns daran gewöhnt, dass jederzeit alles verfügbar ist und das auch noch billig – das hält die Umwelt auf Dauer nicht aus. Und nun?

Mit dem Wunsch nach Lebensmitteln, die unter besseren Bedingungen erzeugt werden, bin ich nicht allein, das zeigt etwa der Ernährungsbericht des Landwirtschaftsministeriums von 2018. Zwei von fünf Befragten gaben höhere Standards bei der Tierhaltung an, wenn sich in der Landwirtschaft nur ein Aspekt deutlich verändern könnte. Fast ebenso vielen lag ein schonender Umgang mit der Umwelt am meisten am Herzen. Unter den Ansprüchen an die Landwirtschaft fanden sich auch eine gute Produktqualität und eine faire Bezahlung der Mitarbeiter. Zu Kampfpreisen ist all das allerdings nicht zu haben. Tiere, die auf mehr Platz langsam und ohne Aufputschmittel auswachsen können, ergeben, brutal gesagt, weniger Fleisch bei mehr Aufwand. Pflanzen, die nicht mit Düngern zur schnellen Reife getrieben und bodenschonend geerntet werden, bringen oft weniger Ertrag – für den man entsprechend mehr bezahlen müsste. Das scheint den Menschen auch bewusst zu sein. Dazu, beispielsweise fürs Tierwohl beim Fleisch einen Aufpreis zwischen fünf und zehn Euro pro Kilo zu zahlen, wären ganze 75 Prozent der Befragten bereit.

Billiges ist eigentlich teuer

Theorie und Praxis aber gehen auseinander. Laut Statistischem Bundesamt geben die Deutschen nur etwa 14 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus, Tabakwaren eingerechnet. Wie wenig das ist, wird im weltweiten Vergleich deutlich: Chinesen etwa geben mehr als 30 Prozent ihres Monatseinkommens für Nahrung aus, Pakistanis mehr als 40 und Nigerianer sogar mehr als 50 Prozent. Das Sparen beim Essen ist übrigens besonders in schon lange wirtschaftlich starken Industrienationen verbreitet, ganz an der Spitze stehen hierbei die USA.

Nun kann man argumentieren, dass in reichen Ländern eben mehr Geld in andere große Posten fließt, die in ärmeren nicht so stark zu Buche schlagen: Mieten, Freizeitgestaltung, Elektronik, Mobilität. Ein berechtigter Einwand. Die Rechnung bleibt dennoch dieselbe: Umweltschonend erzeugte Nahrung kostet mehr Geld – erst mal. Bezieht man nämlich die Folgeschäden der billigen Lebensmittel mit ein, sieht es ganz anders aus.

Wissenschaftler der Universität Augsburg haben mal untersucht, was Gülledünger, der ein Treibhausgas verursacht, gegen Antibiotika resistente Keime in der Massentierhaltung und ausgelaugte Böden langfristig für Kosten verursachen. Sie kommen zu dem Ergebnis: Eigentlich müssten die konventionell erzeugten, also heute günstigeren Lebensmittel deutlich teurer sein. Besonders schlagen tierische Produkte dabei zu Buche, weil sie in besonderem Maße zum Klimawandel beitragen. Doch: „Für viele negative Klima-, Umwelt- und Gesundheitsfolgen, die sich aus der Produktion von Lebensmitteln ergeben, kommen aktuell weder die Landwirtschaft noch die Konsumenten auf“, sagt Dr. Tobias Gaugler vom Institut für Materials Resource Management.

Drei Punkte beachten

Müssen wir also alle zwingend mehr zahlen? Nicht alle können es sich ja leisten, komplett auf Bioprodukte umzustellen. Was, wenn ich einfach nicht mehr für Essen ausgeben kann? Stephanie Wunder vom Ecologic Institut ist Ingenieurin für Landschaftsplanung und meint: Auch ohne großen Geldbeutel kann jeder dazu beitragen, etwas zu verbessern: „Es muss nicht darum gehen, bei jedem Einkauf und jeder Mahlzeit alle Ansprüche an die Nachhaltigkeit zu erfüllen, es hilft schon, folgende Prinzipien zu beherzigen: 1. mehr pflanzliche Lebensmittel und weniger Fleisch konsumieren, 2. so wenig wie möglich Lebensmittel wegwerfen, 3. möglichst Bio-Lebensmittel und nicht so stark verarbeitete und verpackte Lebensmittel kaufen.“

Bio-Lebensmittel, sagt Wunder, seien ein wichtiger Beitrag zur Nachhaltigkeit, allein schon, weil bei ihrer Produktion keine Pestizide eingesetzt werden. Darüber hinaus gebe es höhere Standards bei der Tierhaltung und die Böden würden geschont. Die einzige Möglichkeit, einen persönlichen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit zu leisten, sind teurere Bioprodukte aber nicht.

Routinen sind nicht in Stein gemeißelt

Vor allem müssen wir anfangen, darüber nachzudenken, wie das, was wir essen, eigentlich erzeugt wird – so kann jeder für sich eigene Strategien für mehr Nachhaltigkeit finden. „Ernährung hat viel damit zu tun, mit welchen Ernährungsweisen wir aufgewachsen sind, wie wir geprägt werden, was wir lernen. Aber diese Routinen und Verhaltensweisen sind nicht in Stein gemeißelt und können sich ändern.“ Davon ist Wunder überzeugt. Ich sehe das genauso: Die große Gabe des Menschen ist doch, Probleme mit Verstand zu lösen. Setzen wir ihn ein – und erfinden neue Lebensweisen selbst.

Der Text ist einer von mehreren Beiträgen, in denen sich Berliner-Woche-Redakteure ganz persönlich mit dem Thema Nachhaltigkeit, dem Jahresthema des Bundesverbandes Deutscher Anzeigenblätter, auseinandersetzen – eben nachhaltICH.

Durch bewusste Kaufentscheidungen kann jeder dazu beitragen,  Menschheitsprobleme zu lösen.
Diplom-Ingenieurin Stephanie Wunder beschäftigt sich im Ecologic Institut mit nachhaltiger Landwirtschaft.
Autor:

Josephine Macfoy aus Schöneberg

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