"Im Bademantel wird man mich nicht sehen"
So läuft es in einigen Homeoffices der Bezirksverordneten

Kann der Fraktionsarbeit über Videokonferenz auch gute Seiten abgewinnen, nicht nur, weil man bequemes Schuhwerk tragen könnte: die SPD-Bezirksverordnete Claudia Buß.
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  • Kann der Fraktionsarbeit über Videokonferenz auch gute Seiten abgewinnen, nicht nur, weil man bequemes Schuhwerk tragen könnte: die SPD-Bezirksverordnete Claudia Buß.
  • Foto: Claudia Buß
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Eine Fraktion, die sich nach ihrer Sitzung zum Abschied kollektiv zuwinkt, ein Architekt, der in den Unterricht seiner Tochter platzt oder eine Kommunalpolitikerin, die zum Parteitreffen Badeschlappen trägt? Das passiert wohl nur in Corona-Zeiten. Die Berliner Woche hat sich umgehört, wie einige Bezirksverordneten ihren Homeoffice-Alltag meistern.

Das Architekten-Ehepaar Heyne ist digital gut aufgestellt, die FDP-Fraktion auch. Das sagt Johannes Heyne, bei den Liberalen für Stadtentwicklung zuständig. Die Video- und Telefonkonferenzen mit den Parteikollegen würden mittlerweile gut laufen. Mittlerweile? „Ja, wir mussten lernen, uns zu disziplinieren. Nur einer spricht, die anderen hören zu. Anders funktioniert das nicht“, sagt Heyne. Die Arbeit der Fraktion funktioniere auch deshalb sehr gut, weil ihre Geschäftsführerin die Stellung im Rathaus halte und alle Unterlagen fleißig scanne und verschicke.

Ohne Disziplin geht es bei Heynes auch im Umgang miteinander nicht. Die beiden Töchter sind 13 beziehungsweise elf Jahre alt und werden online beschult. Beide Elternteile sind berufstätig. „Wir haben den Tagesablauf streng strukturiert“, sagt Heyne. „Wir stehen pünktlich auf wie immer, frühstücken gemeinsam und verrichten dann unser Tagwerk.“ Ein großer Vorteil: Jeder hat hier seinen eigenen Laptop. Ob denn eine seiner Töchter einmal in die Videokonferenz der FDP hineingeplatzt ist? „Umgekehrt wurde ein Schuh draus. Ich bin bei der Klassenkonferenz der Ältesten versehentlich durchs Bild gelaufen – zur allgemeinen Belustigung ihrer Klassenkameraden“, sagt Heyne. Wie sieht es mit dem Outfit aus, Business oder Casual Friday? „Es kann sein, dass ich mal unrasiert vor der Kamera sitze, aber im Bademantel wird man mich nicht sehen.“

Obwohl es gut laufe im Homeoffice, sehne er sich dennoch nach den realen Ausschusssitzungen. „Mir fehlt die Reibung mit den anderen Fraktionen. Meine Einlassungen und die Reaktion darauf helfen mir ja auch bei der Reflexion, ob ich auf dem falschen Dampfer bin oder nicht. Das ist Demokratie, das ist nicht zu ersetzen.“

Der bündnisgrüne Verordnete Ansgar Gusy teilt die Sehnsucht nach „echten“ Sitzungen, auch wenn ihm die zweistündigen Videokonferenzen am Montag mit der Fraktion und die Ausschuss-Schalten mit den Stadträten Spaß machen. Schon weil online keine Beschlüsse gefasst können, brauche es möglichst bald wieder Normalität. „Das gibt die Gesetzeslage eben nicht her“, sagt Gusy. Die Bündnisgrünen nutzen für ihre Konferenzen das Programm „Go to meeting“. „Zoom“ habe man noch in der Hinterhand. Alle Mitglieder erscheinen in einem kleinen Viereck auf dem Bildschirm, mittlerweile kennt man das. Sollte die Corona-Krise noch andauern, wünsche er sich mehr Partizipation der Öffentlichkeit bei den Videokonferenzen. Jüngst hat die Fraktion während ihrer virtuellen Zusammenkünfte Vorschläge zur Handlungsfähigkeit der BVV während der Corona-Pandemie ausgearbeitet, eine Mischung aus BVV-Präsenzsitzungen und Online-Ausschussitzungen.

Soweit kämen er und sein Mann mit ihrer parallelen Arbeit im Homeoffice gut klar, sagt Gusy. Allerdings habe die Situation die mangelnde Leistungsfähigkeit seines Internetanschlusses bloßgelegt. „WLAN reicht nicht aus, immer nur einer von uns kann mit seinem Rechner an den LAN-Anschluss. Aber auch das bekommen wir hin.“

Lustig sei das schon auch, das mit der Video-Schalte. „Eine Kollegin hat mal vergessen, ihren Wäscheständer aus dem Bild zu nehmen. Und anfangs war es einfach komisch, wenn eines der Felder auf einmal leer ist, weil sich derjenige gerade etwas zu trinken holt.“ Und noch etwas ist ihm aufgefallen: „Die Sitzungsdichte ist höher geworden. Weil Anfahrtswege fehlen, lässt sich häufiger tagen.“

Oberhalb der Tischkante im Blazer und darunter Pyjamahose und Badeschlappen? "Bin ich tatsächlich schon häufiger gefragt worden", sagt die SPD-Verordnete Claudia Buß. Ihr geht es gut mit der Arbeit im Homeoffice. Ihr Sohn wird bald 14 Jahre alt und steht ganz gut auf eigenen Füßen, bleibt also "nur" die kleine Tochter, um die es sich auch zu kümmern gilt. Thema bei den montäglichen Online-Fraktionssitzungen war zumeist die Corona-Krise selbst. Und die Sozialdemokraten haben festgestellt, dass die Bürger in dieser Zeit die Angebote, mit ihnen in Kontakt zu treten, verstärkt nutzen. "Unsere digitale Sprechstunde beispielsweise, aber auch unsere Postkarten-Aktion 'Auftrag Berlin' in Halensee. Wir erhalten viel Post mit Anregungen, Ideen und auch Kritik – postalisch wie digital", sagt Buß. Auch sie wünsche sich eine baldige Rückkehr zur Normalität. "Der Austausch im Sitzungssaal ist nicht zu ersetzen. Aber ich fände es schön, wenn wir als Fraktion ab und an uns weiterhin virtuell treffen. Durcheinander sprechen ist nämlich nicht, die Treffen verlaufen herrlich strukturiert." Wenn es so weit ist, glaubt sie an einen Riesenberg Arbeit, der vor der BVV und deren Ausschüssen liegt. "Es können ja gerade keine Anträge abgearbeitet werden, ich denke, da hat sich einiges aufgestapelt", so Buß. Übrigens: Das mit den Badeschlappen ist zwar nicht bewiesen, aber auch nicht dementiert. "Gerne schicke ich Ihnen ein Foto, aber ohne Füße", hatte Buß gesagt und gelacht.

Autor:

Matthias Vogel aus Charlottenburg

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