Auf ein Wort, Herr Bürgermeister!
Martin Hikel über Schulbau, Radfahrwege, Lieblingsorte und scheuklappenfreie Politik

Martin Hikel ist mit 32 Jahren der jüngste Bürgermeister in Berlin.
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Am 21. März ist Martin Hikel zum neuen Neuköllner Bürgermeister gewählt worden. Unsere Reporterin Susanne Schilp sprach mit ihm über sein Amt, Ärgernisse im vergangenen und Pläne für das neue Jahr.

Haben Sie sich die Arbeit eines Bürgermeisters so vorgestellt

Im Großen und Ganzen ja. Mir war klar, dass ich von morgens bis abends unterwegs sein würde. Auch auf die politischen Querelen war ich eingestellt. Ich wusste, worauf ich mich einlasse. Am meisten überrascht hat mich tatsächlich die Größe meines Büros. Ungewohnt war auch, plötzlich mit dem Auto gefahren zu werden. Aber das geht nicht anders, ich habe ja auch im letzten Winkel Rudows zu tun oder muss Aktenberge zu Sitzungen, wie dem Rat der Bürgermeister, mitschleppen.

Worüber haben Sie sich im vergangenen Jahr am meisten geärgert 

In Neukölln gibt es viele Menschen, die tolle Sachen machen. Das reicht von der Flüchtlingshilfe über die Heimat- und Bürgervereine bis zu den visionären Leuten auf dem Kindl-Gelände und in unseren Kreativnetzwerken. Schlagzeilen macht der Bezirk aber mit Clankriminalität. Das ärgert mich. Auf der anderen Seite war der Mord an Nidal R. furchtbar, umgebracht vor den Augen seiner Kinder und den vorbeilaufenden Familien. Ein echter Tiefschlag, keine Frage.

Schauen wir ins neue Jahr. Was steht an

Erstens stecken wir wieder viel Geld in unsere Schulen. Das größte Projekt ist der Neubau der Rudower Clayschule am Neudecker Weg für 60 Millionen Euro.

Ein Vorhaben, das sich immer wieder verzögert hat. Die Schüler sitzen schon seit fast 30 Jahren in einem Provisorium am Bildhauerweg.

Richtig, Ende der 80er-Jahre mussten sie ihr Gebäude an der Lipschitzallee wegen Asbestbelastung verlassen. Ich bin froh, dass jetzt die Bewilligung vom Senat endlich da ist. Es soll möglichst schnell losgehen, noch im Frühling wird der Spatenstich sein.

Was wird sich in Sachen fahrradfreundliche Straßen tun? Es gibt ja die Forderung, möglichst schnell Fahrradstreifen auf der Sonnenallee und der Hermannstraße einzurichten.

Da müssen wir auf längere Sicht denken. Wir wollen neben der Karl-Marx-Straße nicht zwei weitere große Baustellen aufmachen. Dann wären alle drei Magistralen in Neukölln dicht. Und ich will nicht nur für Radfahrer Verkehrspolitik machen. Es gibt auch weiterhin viele Menschen, die aufs Auto angewiesen oder zu Fuß unterwegs sind.

Das Radeln auf den beiden großen Straßen bleibt also gefährlich

Kurzfristig wird man dort nicht wirklich mit Kind und Kegel sicher fahren können. Aber selbst, wenn wir wollten: Am Hermannplatz und der nördlichen Sonnenallee können wir gar nicht in die Planung gehen, bevor wir die Straßenbahnplanungen des Senats kennen. Deshalb setze ich erst einmal auf Fahrrad-Alternativen über Nebenstrecken, zum Beispiel über Donau- oder Innstraße. Trotzdem ist klar: Falschparker werden wir auch weiter konsequent abschleppen, damit der Verkehr insgesamt sicherer wird. Und ein Stück der Oderstraße am Tempelhofer Feld soll asphaltiert werden, damit es sich auf der Radroute 10 von Rudow bis zum Alexanderplatz besser fährt.

Viele Neuköllner kennen diese Route allerdings überhaupt nicht. Warum ist sie nicht ausgeschildert 

Das würden wir gerne tun. Aber die Vorschriften erlauben das nur, wenn die gesamte Strecke auf öffentlichem Straßenland verläuft. Nun gibt es aber in Kreuzberg ein paar Meter in Privatbesitz, nämlich am Kottbusser Tor, wo die Radfahrer durchs Neue Kreuzberger Zentrum auf die Dresdner Straße kommen. Zum Glück bewegt sich dort mittlerweile etwas. Ein Letztes zum Thema: Wir haben vor, eine Fahrradkarte für Neukölln zu machen, auch mit interessanten Wegen im Süden.

Apropos Süden: Auch in der Gropiusstadt soll sich nächstes Jahr einiges tun.

Ja, noch im Frühjahr beginnen wir, den Grünstreifen über der U-Bahnlinie umzugestalten – von der Lipschitz- bis zur Wutzkyallee. Anfangen werden wir mit dem Brunnen an der Lipschitzallee. Wir werden ihn sanieren und später die Barrierefreiheit im Grünzug Stück für Stück herstellen. Die Menschen in der Gropiusstadt werden älter, da müssen sie sich auch sicher und angenehm im öffentlichen Raum bewegen können.

Haben Sie eigentlich einen Lieblingsort in Neukölln

Da bleiben wir gleich in der Gropiusstadt. Dort fühle ich mich immer sehr wohl. Sie strahlt für mich eine besondere Gemütlichkeit aus. Und der zweite Ort ist das letzte Stück des Mauerwegs an und über der Autobahn, das zum Landschaftspark Rudow-Altglienicke führt. Dort ist es schön und wunderbar ruhig. Im Sommer gibt es sogar Wasserbüffel. Die meisten kennen diesen Teil nicht, weil fast alle, von Norden kommend, am Ernst-Ruska-Ufer, spätestens aber am Dankmarsteig kehrtmachen. Es lohnt sich aber!

Worauf sind Sie in diesem Jahr besonders gespannt

Auf die Europawahl. Sie ist ein Gradmesser für die Stimmung im Land, und die ist besorgniserregend. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Pro-Europäer durchsetzen oder die Europaskeptiker an Stimmen gewinnen. Zweites wäre äußerst bedenklich. Neukölln ist ein vielfältiger, interkultureller Bezirk mit Menschen aus 152 Nationen. Da können wir uns Scheuklappen gar nicht leisten. Und ohne europäische Fördermittel würde Neukölln ganz anders dastehen, viele Dinge würden wegfallen.

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